Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Wenn der Maestro

auf der Stelle tritt

Vor der Wahl, ob er den bequemen oder den steinigen Weg beschreiten sollte, entscheidet sich der aufrichtig Suchende für die Schinderei. Doch Dirigenten, die von einem Toporchester zum nächsten eilen, kann eine Rollbahn näher sein als der Trampelpfad. Mariss Jansons hat den Versuchungen der Oberflächenversiegelung bislang widerstanden. Tritt er ans Pult, spürt man durch den Beton den Kontakt zur Erdkrume. Musik ist für den Letten ein organisches Erlebnis. Das unterscheidet Jansons vom Taktierer Maazel, den er in München ablöste – dafür verehren ihn die Berliner Philharmoniker. Doch die Bodenhaftung ist diesmal hoch: César Francks Symphonie d-Moll leidet unter gepresstem Steigerungswillen – so verhärtet die Musik vor ihrem emotionalen Erblühen. Bei Dvoráks Violinkonzert liegt die erzählerische Verantwortung zu einseitig bei Vadim Repin, der durch ein beherztes Kontra vielleicht weniger introvertiert zu Werk gegangen wäre. Und Liszts historisch missbrauchte „Les Préludes“ kann ein beherztes Loslassen der Orchesterstürme nicht retten. Der Maestro tritt auf der Stelle. Der Boden unter Jansons Füßen ist hart.

ROCK

Wenn der Rock’n’Roll

zu wenig Platz hat

Extrabreit auf der extraschmalen Bühne des extrakleinen Ex’n’Pop – was schon sprachlich zum Widerspruch reizt, bringt auch sonst einige Schwierigkeiten mit sich. Tatsächlich haben die fünf NeueDeutsche-Welle-Helden aus dem westfälischen Hagen auf der Bühne des MiniClubs kaum Platz, sich zu entfalten. Auch bei den typischen Rocker-Gesten von Sänger Kai Havaii und Gitarrist Stefan Kleinkrieg ist zu merken, dass die Herren aus besseren Zeiten größere Bühnen gewohnt sind. Stimmung verbreiten dank ihres Ohrwurmcharakters vor allem die alten Hits wie „Polizei“, „Der Präsident ist tot“ und „Flieger, grüß mir die Sonne“. Die stammen alle vom ersten Extrabreit-Album, das in weiser Voraussicht mit „Ihre größten Erfolge“ betitelt wurde. Mit einer punkigen Version von „Nichts ist für immer“ feierten die Altrocker an dessen 75. Ehrentag auch ihren ehemaligen Gesangspartner Harald Juhnke. Zwischendurch gab’s Kostproben von der im Sommer erscheinenden neuen Platte. Die Songs sind nach wie vor politisch, launig und laut – doch fehlt ihnen das gewisse Etwas, das sie zu Evergreens des Rock’n’Roll machen könnte. Christian Suhrbier

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