Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Brandenburger

Sommernachtstraum

Ja, wenn man die Bahnstrecke nur ein wenig anders verlegt hätte, dann wäre Luckau heute eine Großstadt, erklärt die Stadtführerin den angereisten Hauptstädtern: bei der zentralen Lage in der Niederlausitz! Man spürt der Dame die Erleichterung an, dass es nicht so gekommen ist. Heute wohnen 6000 Menschen in dem von einem trägen Stadtgraben umflossenen Städtchen, dessen historischer Kern keinen Kriegsschaden kennt. Die Brandenburgischen Sommerkonzerte sind gern zu Gast in Luckau, in der Pfarrkirsche St.Nikolai, deren gewaltiges Steildach über dem Ort schwebt. Mit Hilfe des Festivals konnte bereits das kostbare hölzerne Taufbecken aus dem Jahr 1670 gerettet werden. Zum Auftakt der 14. Saison der Sommerkonzerte hat das Deutsche Symphonie-Orchester am Fuß des Hochaltars Platz genommen. Die prächtige Donat-Orgel funkelt, die Glasscheiben der Patrizierlogen blinzeln erwartungsvoll. Ein junges Musiker-Trio macht das launenhafte, kühle Landpartie-Wetter sofort vergessen: Der ungarische Dirigent Domonkos Héja erweist sich auch im Kirchenhall als sicherer Musikdramatiker ohne jedes bräsige Pathos. Seine Interpretation von Liszts triumphalen „Les Préludes“ weckt die herzenswarme Hoffnung auf Siege jenseits weltlicher Schlachten. In Lalos Cellokonzert zeigt Johannes Moser, wie man sich mit eleganter Hingabe und hintergründigem Witz an die Weltspitze spielt. Und Ilya Gringolts lässt in Mendelssohns Violinkonzert einen brandenburgischen Sommernachtstraum erstehen: zart und doch von feiner Herbe, ein versonnener und dennoch klarer Blick in den Sonnenuntergang über der Mark.

* * *

GENIES UNTER SICH

Der glückliche

Augenblick

Akademiemitglieder haben’s besser. Sie dürfen sich für die Reihe „ Kulturelle Dialoge “ in der Berliner Akademie der Künste ihren Lieblingsgesprächspartner aussuchen. Und der wird umgehend eingeflogen. Der Lieblingsgesprächspartner des Karlsruher Komponisten Wolfgang Rihm ist der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler George Steiner , der Autor der großartigen Bücher „Von realer Gegenwart“ und „Grammatik der Schöpfung“ – ein einsamer, aber höchst überzeugender Kämpfer gegen die Postmoderne und für den traditionellen Bildungskanon. Ein humanistischer Konterrevolutionär. Der 75-jährige Steiner glaubt noch an Genies. Aber Wolfgang Rihm, Jahrgang 1952, Ex-Wunderkind und Schöpfer von über 800 Werken, hat ihn nicht eingeladen, um sich als Genie absegnen zu lassen. Er und die Musikwelt wissen sowieso, dass er eines ist. Wer denn sonst? Er unterhält sich lieber mit Steiner über Musik und Sprache. Und wenn zur Einführung erst einmal gut humanistisch die musikalischen Urmythen Orpheus, Marsyas und Sirenengesang ausgelegt werden, dann staunt man über das musikalische Sensorium des Philologen, über die literarische Versiertheit des Komponisten. Das Gespräch blüht auf, ein Resonanzraum des Geistes, es ereignet sich etwas – man wundert sich, dass es das noch gibt –, was die Griechen Kairos nannten: der glückliche Augenblick. Das Dämonische der Musik, die Unvertonbarkeit großer Dichtung, das Physische, das Erotische am Musikhören – hier unterhalten sich zwei Menschen, die die Kunst von innen kennen, jeder auf seine Weise. Zur Umrahmung musizierte das Minguet Quartett zwei frühe Streichquartette Rihms (Nr. 2 und 3), die den Übergang zwischen musikalischer Moderne und Postmoderne vollziehen. In diesem Übergang liegt eine Differenz, die das höfliche Genie Rihm gegenüber seinem Lieblingsgesprächspartner Steiner wohlweislich nicht thematisierte. Marius Meller

* * *

POP

Schlampenfieber

in der Wuhlheide

Es ist der schmale Grat zwischen Schlager und Pop, auf dem das Berliner Duo Rosenstolz seit 13 Jahren wandelt. So auch am Samstagabend beim Abschlusskonzert der zweimonatigen „Herz-Tour“ auf der ausverkauften Kindl-Bühne Wuhlheide . Durch die Mischung von Texten, die auch aus der Feder von Pur-Sänger Hartmut Engler stammen könnten, von schwulstigem Bühnen-Gehabe, aber auch frech-frivolen Leckerbissen und feinen Popmelodien ist man hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Begeisterung. Rosenstolz spielen sich durch die Songs ihrer gesamten Karriere von „Schlampenfieber“ über „Sex im Hotel“ und „Königin“ bis zu ihrer heute erscheinenden Single „Ich will mich verlieben“. Es sind großartige Momente, wenn Sängerin Anna R. zur echten Diva wird. Dann nimmt sie mit eindrucksvollen Interpretationen von Songs wie Seligs „Ohne dich“ oder der aktuellen Erfolgssingle „Liebe ist alles“ das Publikum in ihren Bann bis der letzte Ton verklungen ist. Überhaupt liegen ihr die Balladen am besten. Weniger erfreulich allerdings, dass auch Keyboarder Peter Plate häufiger als auf den Platten zum Mikrofon greift. Das mag zwar seine männlichen und weiblichen Fans freuen, besonders, wenn er sich das T-Shirt vom Leib reißt und wie ein Ferienclub-Animateur über die Bühne turnt. Der Musik tut das nicht gut. Christian Suhrbier

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben