Kultur : KURZ & KRITISCH

Kai Müller

ROCK (1)

Ein Mythos

schleicht sich davon

In das blaue Bühnenlicht hinein schlendern vier Gestalten und suchen ihre Gitarren. Ein paar Klavierakkorde laufen noch vom Band. Sie klingen aus, sie klingen nach und gehen unmerklich in ein elektrisches Surren und Wiepen über. Wosch macht das Schlagzeug und die E-Gitarren von Tom Verlaine und Richard Lloyd jaulen gütig ihren ersten Akkord. Wieder – wosch – derselbe Akkord. So geht das eine ganze Weile, während das Publikum in der Volksbühne zu begreifen beginnt, dass ein paar kleine Verstärker, ein Standard-Drum-Set und eine Legende genügen, um die Zeit anzuhalten. Zwei Stunden steht sie still. Genauso lange braucht Television , die zum Mythos gewordene Band des ehemaligen Patti-Smith-Gefährten und New Yorker Punk-Mitbegründers Verlaine, beim einzigen Deutschland-Konzert, um sich durch ein Dutzend ausgefranste, auf Geräuschwellen schwebende Songs zu arbeiten. Wie Arbeit sieht das allerdings nicht aus. „Wie er daherkommt“, hatte Smith vor 25 Jahren geschwärmt, „wie ein verdreckter Farmer und ein Prinz. Ein gelangweilter Junge mit der verwirrten Grazie eines Kindes im Paradies.“ Noch immer scheint Verlaine, ein hagerer Mann mit Kugelaugen, nicht in der Gegenwart angekommen. Seine schimmernden Klänge zielen ins Nirgendwo. Nur Lloyd, der mürrisch neben ihm steht, zerhäckselt mit beißenden Tonkaskaden den lyrischen Impetus, gibt den simpel-genialen Riffs die Schärfe, die sie davor bewahrt, Hippie-Musik zu sein. Dann endet die Geisterstunde mit „Marquee Moon“, dem über die Ufer tretenden Songungetüm, ohne das es die Strokes oder White Stripes nicht gäbe. Die vier Herren, mit nur einer Platte unsterblich geworden, schleichen wieder davon.

* * *

ROCK (2)

Echte Russen trinken

keine Alcopops

Russland ist hip und angesagt. Wir kennen Wladimir Kaminer, seine Russendisco und Smirnoff-Ice-Alcopops. Aber wo sind die echten Berliner Russen? Davon haben die Deutschberliner offenbar keine Ahnung. Denn auf der Russischen Rocknacht im Tempodrom waren die Russen unter sich: Wodka – keine Alcopops! – vor der Konzerthalle schafft die Feiergrundlage. Russlandtypisches Schlangestehen vor dem Eingang schürt Vorfreude. Großzügige Verteilung russischer Winkelemente im Eingangsbereich. Jubelgeschrei für die erste von vier der angesagtesten russischen Rockbands. Mit dem ersten Gitarrenriff verwandelt sich die Halle in ein riesiges Wohnzimmer voller Verwandter. Anlass des Familientreffens: der 12. Juni, Unabhängigkeitstag Russlands. Organisator: die Wochenzeitung „Russkij Berlin“.

Den ersten Massenausraster erzeugt Nogu Swelo – deutsch: „Gelähmter Fuß“ – mit dynamischem Hau-drauf-Rock und Folklore-Klängen. Danach lässt Sängerin Notschnie Snaiperi – deutsch: „Nächtliche Scharfschützen“ oder auch „Nächtliche Treffer“ – die Fans erschauern. Eine kühne Rockfrau, eine russische Melissa Etheridge. Sanfte bis ausgelassene Freude zaubert Splin (= „Spleen“), britpoppig und mit Querflöte. Die größten Bezauberer der Nacht aber sind die beiden Jungs von B2 mit gefühlvollen Balladen und leidenschaftlichen Tanzgesten. Tanzen bis draußen die Vögel zwitschern. Die Berliner Vögel zwitschern heute auf Russisch. Julia Hellmich

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