Kultur : KURZ & KRITISCH

Gregor Dotzauer

POP

Alte Liebe,

neue Zellen

Wer tanzt, hat Recht. Oder können 20000 Menschen irren? Sie können, natürlich, wenn man annimmt, dass es eine Sache vergangenheitsseliger Popgreise ist, in der Waldbühne zu den Klängen von Stings „Englishman in New York“ aufzuspringen, während alle jüngeren Songs bis dahin nur ein fußlahmes Lächeln ernten. Sie müssen aber nicht, wenn man sieht, wie sich Menschen, die 1987 noch nicht einmal geboren waren, im Reggaerhythmus des Liedes so heftig wiegen wie sie den „Roxanne“-Liebesschrei ausstoßen: Der stammt von 1978.

Es führt wohl, und Sting weiß das selbst am besten, nichts an der bitteren Wahrheit vorbei: Die alten Lieder sind die besten. Sie haben Haken und Ecken und Konturen, und das wird honoriert. Kein einziges Stück seines jüngsten Albums „Sacred Love“ hat vergleichbare Qualitäten. Ob ein Techno-Remix von „Send your Love“ seine stilistische Offenheit beweisen soll, ein Stück, mit dem er auch sein Berliner Konzert eröffnet, oder ob er Mary J. Blige mit ins Studio lädt: An Stings ungebrochener Musikalität und Neugier hat nie jemand gezweifelt – nur an seiner Fähigkeit, aus den immer gesichtsloseren Smooth-Jazz-Arealen der letzten Jahre auszubrechen. Für „Stolen Car (Take Me Dancing)“ dann die Rapper von den Black Eyed Peas mit auf die Waldbühne zu holen, ist da eine zweifelhafte Frischzellenkur.

Trotzdem ist live alles anders. Jede Band, hat der Bassist Sting einmal gesagt, ist nur so gut wie ihr Drummer. Wenn man also Keith Carlock, der zuletzt mit Steely Dan getourt ist, zum Maßstab nimmt, hat das immer noch Weltklasse: Druck, Tempo, Eleganz und Geschmeidigkeit im Niemandsland zwischen Jazz und Rock. Eine überwältigende Kraft, vor der Stings langjähriger Gitarrist Dominic Miller oder seine Backgroundsängerin Joy Rose ganz entspannt herspazieren können.

KLASSIK

Zeit der Unschuld,

Zeit der Verführung

Den Höhepunkt erreicht das Paar bei den himmlisch langen Liegetönen im BrahmsAdagio. Behutsam schmiegen sie sich aneinander, geraten in zart zitternde Dissonanz, finden sich wieder, in innig verschlungener Harmonie. Man kennt’s aus den Romanen des 19. Jahrhunderts: jene distinguierte Ekstase, deren frivolster Akt darin besteht, dass der Mann der Herzensdame den Handschuh abstreift.Eine romantische Szenerie, dieser Abend in der Philharmonie : Menage à trois mit Anne-Sophie Mutter, ihrem Ehemann Sir André Previn am Klavier und dem Cellisten Daniel Müller-Schott in der Rolle des jugendlich ungestümen Liebhabers. Wie sie schmachten und schwelgen! Jeder Ton eine Pretiose, ein verbotener Augenblick im Salon, aufbegehrendes Tremolo, verführerisch geschmeidiger Bogenstrich. Beethovens Klaviertrio Nr.3 c-Moll zum Einschmeicheln, mit kleinen Widerhaken der Violine, als bestünde der letzte Rest bürgerlichen Anstands aus hauchfeinen Härchen, die im Gegenstrom flimmern. Nach Brahms’ H-Dur-Trio op. 8 mit seligem Unisono der Streicher schließlich Ravels a-moll-Trio: Verzicht und Verklärung, eine Liebe im Jenseits, ein Herz im Winter. Vorsicht, zerbrechlich!

Und André Previn? Nein, am Flügel sitzt kein Eifersüchtiger, sondern der wahre Liebende. Gelassen, heiter, mit schwerelosem Anschlag hält er sich zurück und prägt doch den Abend, indem er ihm jede Schwermut nimmt. Amor geistert über die Lichtung: ein Puck, ein Spuk, ein Sommernachtstraum. Christiane Peitz

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