Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

OPER

Wenn’s draußen regnet,

brennt’s drinnen lichterloh

Dorische Sandsteinsäulen tragen die langgestreckte Halle mit der weißen Stuckdecke, linker Hand gliedern elegante Balustraden das Bauwerk, rechter Hand schweift der Blick durch die hohen Fenster hinaus in den Park. Als Regenwetter-Notquartier für die Open-Air-Aufführung von Händels „Alessandro“ gedacht, erweist sich die Orangerie am Freitag als ideale Kulisse für das Gastspiel der „Villa Musica“ bei den Musikfestspielen Potsdam Sanssouci . Spitzennachwuchs für die Klassikszene fördert die rheinland-pfälzische Stiftung mit Meisterkursen: Der Alte-Musik-Spezialist Alan Curtis hat die jungen Künstler in kürzester Zeit zu Barock-Botschaftern geformt, der Mainzer Intendant Georges Delnon gab mit souveräner Regisseurshand szenische Hilfestellungen. Und so wird das begeisterte Publikum vom neunköpfigen Orchester und den fünf Protagonisten sofort hineingezogen in ein mitreißendes Spiel um – wie könnte es anders sein?! – Liebe und Eifersucht. Zwei Frauen begehren Alessandro (viel versprechend: Betsy Horne). Auch wenn Chen Wang der introvertierten Lisaura mit sängerdarstellerischer Intensität Gefühlstiefe verleiht – am Ende triumphiert die kokette Rossane, und Lea Pasquel betört dabei mit ihren Koloraturen. Bernhard Schafferer, der als Tassile mit hellem Countertenor anrührend hilflos um Lisaura geworben hatte, wirbt, wird von Alessandro nach Gutsherrenmanier mit der aussortierten Verehrerin verehelicht, während Clito (Frank Häser) komplett leer ausgeht. Mag die Akustik der Orangerie auch ein wenig hallig sein – in diesem tollen Saal möchte man mehr Musiktheater erleben!

Die dritte und letzte Vorstellung am heutigen Sonntag ist ausverkauft.

KLASSIK

Wer jung ist,

will Ewigkeit

Ein Konzert der Jugend: Werke von 16- bis 18-jährigen Komponisten werden von Künstlern aufgeführt, die im Schnitt vielleicht zehn Jahre älter sind. Der ganze Kammermusiksaal vibriert von Energie und Elan, Leichtigkeit und Leidenschaft. Kein Wunder, wenn man so herausragende Musiker zur Verfügung hat wie Spectrum Concerts Berlin , darunter beispielsweise die Geigerinnen Janine Jansen und Annette von Hehn, der Cellist Christian Poltéra oder der Bratscher Joël Waterman.

Dem Streichsextett D-Dur von Erich Wolfgang Korngold geben sie Transparenz und orchestrale Fülle zugleich. Bis in den letzten Winkel wird das verwickelte Liniengeflecht durchleuchtet, mit dem das von Richard Strauss verehrte Wunderkind bereits 1916 so manches Mal die Grenzen der Tonalität streift. Vor allem Janine Jansen entlockt diesen Arabesken und Girlanden seelenvolle Bebungen und Schwebungen. In hauchzarten Andeutungen, im koketten Verschleppen und Anziehen des Tempos beschwört ein Intermezzo vergangenes Walzer-Flair – damit sich danach umso mehr virtuoser Übermut austoben kann. Kraftüberschuss, in der Selbstgewissheit der nachrevolutionären Avantgarde nach vorn gerichtet, regiert auch im „Präludium und Scherzo“ für Streichoktett von Dmitri Schostakowitsch. Doch noch die martialischsten Glissando-Kaskaden werden hier mit klanglichem Feinsinn, mit Raum und Ruhe für große Gesten geboten. Und ein kleines Wunder dann, wie in Mendelssohns unsterblichem Oktett, mitten im Sommernachtsrausch aus Licht, Duft und Luft, geheime Klagegesänge über fahl schwebenden Harmonien aufgespürt werden. Jugend ist eben immer auch unbedingter Ernst, der Drang nach den letzten Dingen. Isabel Herzfeld

0 Kommentare

Neuester Kommentar