Kultur : KURZ & KRITISCH

Julia Hellmich

LESUNG

Literatur,

ruck, zuck!

Kokainsucht, Bulimie, Psychiatrie – Benjamin von Stuckrad- Barre führt seine öffentliche Beichte offensiv weiter. Mit seinem neuen Buch Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft. Remix 2 (KiWi) ist er derzeit auf Lesetour; in Berlin machte er in der Columbiahalle Station. Auftakt: Im Anonyme-Alkoholiker-Stil liest er vom „Ganz-unten-Sein“, seinem Versuch, einen Roman zu leben.

Auf die Leinwand hinter dem Lesepult projiziert er Fotos: sich selbst mit rauschhaftem Gesicht, ein kahles Krankenhauszimmer, eine Apotheke, die für Drogen wirbt. Soundtrack: Heinz Rudolf Kunzes „Hilfe von außen“. Irgendwann sei es nur noch um den „Pegelerhalt“ gegangen – absoluter Tiefpunkt: der Verkauf seiner CD-Sammlung. In „Remix 2“ hat er die Texte dieser Jahre versammelt.

Das Publikum, überwiegend junge Mädchen, lauscht still, bis es endlich was zu lachen gibt: Stuckrad-typische fiese Beobachtungen. Reinhard Mey kriegt in einem „Gartennazi“-Stück Saures, vor einem Kerner-Besuch brauche man ein Totalbesäufnis, die TV-Moderatoren Paola und Kurt Felix sähen aus, als könne man eine Drink vertragen usw. Erstaunlich auch das „Ich war hier“-Befindlichkeitsprotokoll à la: „Fick dich. I love you. BroSis forever.“ Benjamin von Stuckrad-Barre wirkt beim Lesen manchmal, als wolle er den Abend hinter sich bringen. Selten spricht er frei, wirft kaum einen Blick ins Publikum, bringt das Signieren zackig hinter sich. Zum Abschied ertönen Udo Lindenbergs Zeilen: „Hier findest du dich nie.“

KONZERT

Klassik,

marsch,marsch!

Irgendetwas muss Riccardo Muti falsch verstanden haben. Obwohl er mit den Wiener Philharmonikern gar nicht zum Berliner Militärmusikfestival eingeladen war, sondern zu einem ganz normalen Sinfoniekonzert, erklang in der ausverkauften Philharmonie fast nur Marschmusik. Zu Giuseppe Verdis „Macht des Schicksals“-Ouvertüre stürmt der Maestro auf die Bühne und beginnt sofort, den Taktstock wie eine Reitgerte durch die Luft sausen zu lassen, scheint mit brutal gesetzten Pausen und gehetzten Tempi jeder Sentimentalität davonrennen zu wollen. Eher als Gleichschritt- denn als Tanzschritt-Musik kommt dann auch das Ballett aus Verdis „Sizilianischer Vesper“ daher; emotionslos und mit kühlem Stahlglanz modelliert Muti die Suite aus Busonis „Turandot“-Oper, bevor die Wiener Philharmoniker in Ottorino Respighis „Feste romane“ den Beweis antreten, dass sie nicht immer nur schön, sondern manchmal auch einfach nur schön laut klingen können.

Dann aber – als wolle er seine Fans nicht Lügen strafen, die zum Schlussapplaus ein Transparent mit den Worten „Riccardo Muti – wir haben dich gerne! Du bist wunderbar!“ entrollen – steigt der Dirigent für die Zugabe dann doch noch vom Schlachtross, hält charmant einen musikhistorischen Vortrag über Giuseppe Martucci und präsentiert schließlich dessen „Notturno“: Und plötzlich ist er da, der süße, schwelgerische Ton der Wiener Streicher, auf den man den ganzen Abend so sehnsüchtig gewartet hat. Grazie, maestro! Frederik Hanssen

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