Kultur : KURZ & KRITISCH

Peter Laudenbach

THEATER

Wagner kann

beschwerlich sein

Performancekunst und Tanztheater (Constanza Macras!), Spiele mit Wirklichkeit und Fiktion (X Wohnungen), mit Video und Schauspiel (Big Art Group!) hat das Berliner HAU in Matthias Lilienthals erster Spielzeit schon gründlich auseinander genommen. Jetzt ist, kurz vor Saisonschluss, ein Genre dran, das bisher von den Dekonstruktions-Strategen der HAU-Factory verschont geblieben ist: Das Musiktheater. Sebastian Baumgarten , einer der spannendsten jungen Opernregisseure, hat mit Epidemic eine Collage aus Kino und Rockmusik, deutschen Mythen und ein paar Fetzen Richard Wagner inszeniert, die den Zuschauer leicht benommen aus dem Theater taumeln lässt. Deutsche Zwerge und Mainzelmännchen, eine BDM-Blondine und ein verkrüppelter Alter im Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft flüstern im Halbdämmer ein grausames Märchen. Lars Rudolph, ein begnadeter Performer mit leicht irrem Flackern in den Augen, schwebt vom Bühnenboden und bearbeitet brachial seine Rockgitarre. Im Hintergrund flackern Schwarzweiß-Filme von Autobahnen, Zellteilungen, verschwommenen Luftaufnahmen von Industrieanlagen oder riesig verzerrte Gesichter der Schauspieler, die ihre Satzkaskaden nicht ins Publikum, sondern live in eine Kamera flüstern. Von einer geheimnisvollen Seuche wird berichtet, eine Leiche wird seziert, ein offenbar vollkommen wahnsinniger Arzt deliriert in Großaufnahme in die Kamera und ein Orchester von 23 Posaunisten legt einen dunklen Soundtrack über diese Trash- und Mythen-Mischmaschine (Musik, frei nach Richard Wagner: Ari Benjamin Meyers). Und zwischendurch setzen sich die fünf Performer einfach auf Matratzen an der Rampe und hyperventilieren sich gemeinsam in einen sanften Trance-Zustand.

Baumgartens Inszenierung folgt keiner linearen Erzählung, eher häuft sie Material an, Strandgut der Geschichte, literarische Bruchstücke, „Tannhäuser“-Reste. Was so entsteht, ist eine theatralische Installation, ein Assoziationsraum, in dem sich Wagners Gesamtkunstwerk und Hitlers Autobahnen gute Nacht sagen. Als Vorlage dient Baumgarten und seinem Koautoren Ralf Fiedler ein früher Film des dänischen Kino-Mystikers Lars von Trier, „Epidemic“. Er handelt davon, wie zwei Drehbuchautoren an einem Filmscript über eine mittelalterliche Seuche schreiben. Gleichzeitig bricht, von ihnen unbemerkt, eine wirkliche Seuche aus, die innerhalb weniger Tage ganz Europa überzieht. Eine Geschichte darüber, wie die Fiktion die Realität infiziert. „Sie hatten ihr Kunstwerk auf dem Leid anderer aufgebaut, es war vollbracht“, heißt es in einer Mischung aus Selbstanklage und Größenwahn. Und weil es auch eine Geschichte über Kunstwahn und Kunstmythen ist, verbreiteten sich die Krankheitserreger durch Musik, genauer gesagt: durch das „Tannhäuser“-Vorspiel. Wagner kann gefährlich sein. Trotz einiger zäher Partien ist Baumgarten eine dichte, in ihrem Assoziationsreichtum faszinierende Inszenierung gelungen: Willkommen in der Geisterbahn (noch einmal am 27.6.).

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KLASSIK

Wagner kann

ganz herrlich sein

Was musste er einstecken zum Ende dieser Saison: Simon Rattles zweites Jahr am Pult der Berliner Philharmoniker geht mit spürbar gereizten Kritikerstatements zu Ende. Statt einer wirklich zeitgenössischen Repertoireerweiterung habe Rattle lediglich Musikdesigner und Weltmusiker in die Philharmonie geholt, maulen die einen – und wittern Autoritätsverlust beim Philharmoniker-Chef. Andere sehen das vom Maestro beschworene Abenteuer Musik längst einem vorhersehbaren Ehealltag gewichen. Dass diese Angriffe Spuren hinterlassen, konnte man vergangene Woche erleben, als Rattle sich durch Messiaens Visionen vom himmlischen Jerusalem wuchtete. Doch Sir Simon ist kein launischer Sprinterstar, er ist ein Marathonmann, der weiterläuft, auch wenn es Seitenstiche gibt.

Das letzte Saisonkonzert in der Philharmonie ist ein Wunder an Leichtigkeit, Licht, Leben. Wagner rahmt zwei effektvoll aufgeleuchtete Tondichtungen von Sibelius und Dvorak – und das Orchester schwingt sich zu einer ernsten Gelassenheit empor, lauscht der Stille ihre Melodie ab, träumt offenen Auges. Was uns die Philharmoniker flüstern können, in zartesten pianissimi, ist nicht mehr ganz von dieser Welt. Besonders das Vorspiel zum „Parsifal“ löst Rattle und seine Musiker von vergangenen Erfolgen und Niederlagen, hier klingt alles nur noch nach Zukunft, nach Wachsen, auch unter Schmerzen, nach Wahrheit. So schreit auch Karita Mattila, die große finnische Sopranistin, in „Isoldes Liebestod“ nicht auf, als die Wellen über sie hinweg schießen. Das Ertrinken, Versinken, ist kein hysterischer Taumel, sondern ein Moment größter Klarheit. Ein Licht sinkt langsam auf den Meeresgrund hinab, immer entferntere Tiefen erhellend. Die Philharmoniker schauen ihm staunend nach. Ulrich Amling

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FILM

Ein Vater kann

gefährlich sein

Der Mann trägt denselben Vornamen wie sein Vater: Miklós. Aber er hat ihn kaum gekannt. Der Regisseur und Filmjournalist Miklós Gimes ist 1950 in Ungarn geboren, aber seit 1956, dem Jahr des Ungarn-Aufstandes, in der Obhut der Mutter in der Schweiz aufgewachsen. Der Vater, prominenter kommunistischer Reformer um Imre Nagy, wurde als einer der Protagonisten des von den Sowjets blutig niedergeschlagenen Aufstandes im Juni 1958 hingerichtet. Er war 41 Jahre alt.

„Mutter“ heißt der Dokumentarfilm, den Gimes 2002 in der Schweiz und in Ungarn gedreht hat, doch die sehr private wie auch hochpolitische Erkundungsarbeit dient vor allem der nachgetragenen Nähe zum Vater. 50 Jahre habe er alt werden müssen, um sich für die alsbald heroisierte Figur des Miklós Gimes zu interessieren, sagt der Regisseur – wohl auch angestiftet durch die feierliche Rehabilitierung der Opfer des Aufstands, an die Budapest seit 1989 alljährlich mit einem Staatsakt erinnert. Seit jenem Jahr fährt die Mutter wieder nach Ungarn, und auch der Sohn begann, in seiner fernen, ersten Heimat nach eigenen Wurzeln zu suchen.

Sehr behutsam, aber gerade heraus interviewt hier ein Sohn seine Mutter, die sich so gar nicht wie die stolze Witwe eines Helden geriert – und legt ihre und damit auch seine eigene Biografie aus Schmerz und Verdrängung frei. Imponierend direkt und selbstmitleidlos gibt die heute 80-jährige Lucy Gimes Auskunft, von der zeitweisen Begeisterung für den Kommunismus, die sie und ihren Mann im Ungarn der frühen Fünfzigerjahre rasch aufsteigen ließ, bis zu den auch privaten Gründen, die zur Trennung des Paars und schließlich zur Flucht von Mutter und Sohn in die Schweiz führten. Wenig Mythenbildung, kaum Sentimentalität: Mit unerbittlicher Strenge scheint diese Frau ihrer in zwei Lebensphasen zerrissenen Erinnerung auf der Spur.

Und der Vater? Erst ist er nicht mehr als ein sinnenfrohes, kluges Gesicht auf Familienfotos, schließlich todesblasser Scheme in einem lange unter Verschluss gehaltenen Staatsfilmdokument über den Prozess von 1958. Als Person fühlbar wird dieser Vater in Interviews mit Weggefährten des einstigen „Gimes-Clans“, in der Erinnerung alt gewordener, wunderbar leuchtender Gesichter. Und irgendwann ist Geschichte in Erlebtes zurückverwandelt. Und ein Phantom in einen Menschen (in Berlin nur im Kino Brotfabrik, OmU). Jan Schulz-Ojala

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