Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Knorr

KLASSIK

Die Peitsche

des Flagellanten

Die Kunst des Kalligraphen beweist sich weniger in der sklavisch getreuen Abschrift eines Textes als vielmehr in der ästhetischen Ausgewogenheit seiner Nachschrift. Das Berliner Sinfonieorchester hat bereits vor Jahren zwei der „Kalligraphien“ des Frankfurter Komponisten und Dirigenten Hans Zender aufgeführt, nun bringt es diese erneut, durch zwei im Auftrag des Konzerthauses Berlin komponierte ergänzt, als Zyklus zur Aufführung. Zenders „Vier Kalligraphien“ scheinen dem Trend zu folgen, fehlende Zeiterfahrung durch neue Raumerfahrung kompensieren zu wollen. Es scheint, als stünden jede Akkordbildung, jedes geheimnisvolle Geräusch nur als Türöffner zu unerhörten Räumen. Wer sich auf sie einlässt und auch nicht von dreinfahrenden Sforzati und stänkernden Bläserfiguren aus der Ruhe bringen, wen darüber hinaus selbst die Peitsche des Flagellanten nicht schreckt – dem wird aufgetan, damit er sich sein Pfingsterlebnis bereite.

Als wolle er Nähe zwischen seinen „Kalligraphien“ und Anton Bruckners 7. Sinfonie gar nicht erst aufkommen lassen, dirigiert Zender letztere schnell, doch wenig bewegt, ein wenig grob auch. Meint der Dirigent Zender, dass das alles wäre, was Bruckner uns vorausgehört hat? Die „Kalligraphien“ des Komponisten Zender mögen vielleicht schwer ins Ohr gehen, bleiben dafür aber umso länger drin haften. Der wohltemperierte Bruckner danach hat nicht gestört (noch einmal heute, 16 Uhr, Einführung 15 Uhr).

KUNST

Die Gefühle

der Gesetzeslosen

Romantik und Rockmusik passen nicht zusammen, provozieren aber extreme Gefühle. Wie im Video von Kevin Schmidt, der in den Sonnenuntergang ein Lied von „Led Zeppelin“ spielt. Der Kanadier zeigt die Spannbreite der Emotionen zwischen Sentimentalität und Aggression. Dieser „Rhetorik des Gefühls“ widmet sich der Frankfurter Kunstverein in der Ausstellung Emotion Eins mit 30 Künstlern (bis 8. August). Eine kleinere Auswahl ist auch in der Ursula-Blickle-Stiftung in Kraichtal bei Karlsruhe zu sehen (bis 18. Juli). Dabei steht der Film als Hauptmedium der Emotion im Zentrum. So enthüllen Roth-Stauffenberg in „Schall und Rauch“ Tricks über Prestigeobjekte. Matias Faldbakken hingegen spielt mit Angst und Rausch. Er hat seine Kamera auf ein mit 300 Stundenkilometern dahinrasendes Motorrad montiert. Und Gefühle können Gesetze aushebeln. Der Iraner Seifollah Samadian zeigt in „Teheran, 25. Stunde“ den Trubel nach einem Fußballspiel. Zwar endete das Spiel gegen Australien nur remis, aber das reichte zur Qualifikation. Und Frauen dürfen ohne Schleier vor der Kamera jubeln. Christian Huther

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