Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

BAUHAUS

Ein Thron

für Künstlerfürsten

Bislang war er nur durch ein SchwarzWeiß-Foto bekannt, nun kann das Original bestaunt werden: Nach achtzig Jahren ist der 1921 von Marcel Breuer und Gunta Stölzl geschaffene „Afrikanische Stuhl“ aufgetaucht – im Wohnzimmer einer Familie, die diese Inkunabel des frühen Bauhauses zufällig in einem Katalog abgebildet fand und als den ihren erkannte. Wohl 1922 hatte der Vater des letzten Besitzers, ein Erfinder aus Ilmenau, das exaltierte Sitz- und Kultmöbel von Walter Gropius übernommen. Nun konnte es mit Hilfe des Ernst von Siemens Kunstfonds für das Berliner Bauhaus-Archiv gesichert werden (Klingelhöferstraße 14, bis 24. Oktober; Mi.–Mo. 10–17 Uhr).

Das Bauhaus kultivierte in seinen frühen Jahren eine Experimentierlust, die heute wie Schamanentum anmutet. Der „Afrikanische Stuhl“ wirkt wie der Thron eines Priesterfürsten: Fünf in den kosmischen Grundfarben Blau, Rot und Gold (für Gelb) bemalte Beine umschließen seine kreisrunde Sitzfläche; die zeremoniell erhöhte Rückenlehne schmücken von Gunta Stölzl in Gobelintechnik gewirkte Polster. In seinem Manuskript „Vom Ziel der Bauloge“ hatte Gropius die Bauhäusler als Freimaurer und sich selbst als Großmeister gesehen. Breuer und Stölzl mögen solchen Allmachtsfantasien das Spielzeug verschafft haben – sich selbst setzten sie mit den ins Dekor eingeschriebenen Symbolen für männliche und weibliche Harmonien das schönste Denkmal ihrer Liebesbeziehung.

KUNST

Ein Blitz

für Griechenkrieger

So ein Schatten hat’s nicht leicht. Als körperloser Diener muss er an seinem Herren kleben. Floris Neusüss erweist den Schatten-Existenzen seine Referenz. Der Künstler präsentiert im Kolbe-Museum „Helden, Herrscher und Passanten“ , doch eigentlich stellt er ihre Schatten aus (Sensburger Allee 25, bis 8. August, Di.–So. 10–17 Uhr). Das Fotogramm ist ein simples Verfahren, für das man keine Kamera braucht. Neusüss macht das Licht aus und stellt Gegenstände oder Personen dicht an einen Bogen Fotopapier. Ein Blitzgerät flammt auf, dann muss das lichtempfindliche Papier entwickelt werden. Normalerweise leuchtet der Schatten weiß auf schwarzem Grund. Doch Neusüss verwendet auch Spezialpapiere, die ein schwarzes Abbild zeigen. Zum Beispiel bei den „Passanten“, lebensgroßen Menschenschatten, die seit den Siebzigern das Markenzeichen des Künstlers sind.

Seit einigen Jahren schiebt Floris Neusüss Nachtschichten in der Münchener Glyptothek. Besonders angetan haben es ihm die Heldenfiguren des rekonstruierten Ostgiebels vom Ägina-Tempel. Die Eroberung Trojas inszeniert Neusüss als Schatten-Schlacht. Krieger stürmen, flüchten, straucheln. Seelenruhig starren dagegen Neusüss’ Herrscher-Profile vor sich hin, die von römisch-antiken Büsten aus der Glyptothek stammen. Die Sympathie des Künstlers scheint Kaiser Augustus zu gelten, dem Förderer der Künste: Ausnahmsweise leuchtet sein Schatten in Königsblau. Jens Hinrichsen

ARCHITEKTUR

Ein Herz

für Straßenfluchten

Altlast oder Modellfall? Die Meinungen über die Prager Straße in Dresden sind kontrovers. Ein Sammelband , der über die Sächsische Akademie der Künste in Dresden zu beziehen ist (Architektur der Nachkriegsmoderne in Dresden, 7,50 Euro), spürt der Bedeutung der Straße nach. Als kürzeste Verbindung von Stadtkern und Hauptbahnhof war die Prager Straße bis zu ihrer Zerstörung 1945 von gründerzeitlichen Geschäfts- und Wohnhäusern flankiert. Ein Nutzung, die auch im Wiederaufbau der Sechzigerjahre aufgenommen wurde: Niedrige Geschäftspavillons werden von Wohnhochhäusern und Hotels flankiert. Als Zentrum des modernen Dresdens wird sie in einem Atemzug mit städtebaulichen Meilensteinen wie der Lijnbaan in Rotterdam genannt.

Eine „sorgsame Patenschaft“ wie sie der Architekturhistoriker Werner Durth anmahnt, ist in Dresden jedoch nicht zu bemerken. Stattdessen hat sie ihre Funktion als zentrale Einkaufsmeile verloren; die Sanierung des lang gestreckten Wohnriegels steht an. Zudem haben die Eingriffe der letzten Jahre das Erscheinungsbild eher verschlechtert. Trotz dieser Schwierigkeiten fordert der Architekt Stephan Braunfels, dass die Stadt Dresden nicht ihre Planungshoheit zugunsten von Investoren aufgibt. Denn noch besteht die Möglichkeit „zur Weiterentwicklung des faszinierenden modernen Konzepts“ Prager Straße, so der Architekturhistoriker Thomas Topfstedt. Sie muss nur gewollt werden. Jürgen Tietz

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