Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Geigen

der Unruhe

Was wohl Kammermusik und Literatur gemeinsam haben? Nicht viel, könnte man meinen, aber jedenfalls eine Anmutung von Intimität. Genau das dachten sich Renaissance-Theater und Kulturradio RBB, und nutzen die intime Atmosphäre nebst glasklarer Akustik des Charlottenburger Traditionshauses, um mit Musik und Literatur eine Programmkopplung zu etablieren, die auch andernorts schon für regen Besucherzuspruch sorgt. Denn Kammermusik hat es schwer, ein zweiter Programmbaustein, der Verständlichkeit verspricht, senkt die Hemmschwelle für den Besuch.

Der stellt sich beim Pilotprojekt am sommerlichen Sonntagmorgen auch gleich zahlreich ein und lauscht dem vorzüglich disponierten Kuss Quartett . Ein früher Mozart macht den Anfang, Bartók 6 gelingt beeindruckend leichtfüßig und auch Mendelsohns f-moll-Quartett wirkt wie aus einem Guss. Zwischen den Stücken liest Udo Samel aus dem „Buch der Unruhe“ von Fernando Pessoa. Es sind abgeklärte Texte voller Fin-de-siècle-Stimmung, die noch einmal die Kunst als letzten Zufluchtsort vor den Nichtigkeiten des Alltagslebens beschwören. Ein inhaltlicher Bezug zwischen Musik und Text wird gar nicht gesucht, was diese Sommermatinée zu einem entspannten Vergnügen macht, andererseits eine gewisse Beliebigkeit breit produziert – schade, denn dieses Programmformat bietet mehr. Wie wäre es, die im Buch der Unruhe pointiert dargestellte Vorstellung von der Kunst als Rückzugsort für sensible Seelen mit Texten zum anderen ideengeschichtlichen Zug unserer Kultur zu kontrastieren, nämlich dem der Kunst als Symbolisierungsebene gesellschaftlichen Lebens? Etwas nachdenken können die Leute auch am Sonntagmorgen.

KUNST

Bilder

der Angst

Es gibt schöne und schreckliche Bilder. Wirklich gute sind oft beides zugleich: In konzentrierter Ruhe bearbeitet ein Mann im Bildvordergrund einen Strauch mit der Heckenschere. Hinter ihm befindet sich ein von Einschüssen derart zernarbtes Gebäude, dass man die Gewehrsalven noch zu hören meint. Das Schwarzweiß-Foto entstand 2000 in Angola, als der Bürgerkrieg noch nicht zuende war. Der Südafrikaner Guy Tillim bereist den afrikanischen Kontinent nicht nur als Bildjournalist, sondern auch mit dem offenen Blick des Künstlers. In diesem Jahr erhielt der 41-Jährige den DaimlerChrysler Award for Creative Photography. Im Haus Huth werden rund fünfzig seiner formal und inhaltlich komplexen Bilder gezeigt (Alte Postdamer Straße 5, bis 22. August, täglich 11–18 Uhr) .

Ein Junge in Mozambique reckt sein Spielzeugpferd in die Höhe. Bürgerwehr-Milizen aus Sierra Leone marschieren durch ein Waldstück. Irgendwo in der Demokratischen Republik Kongo wirbelt ein UN-Hubschrauber Pflanzenteile durch die Luft. In einer Tillim-Serie aus dem angolanischen Kuito präsentieren sich Flüchtlinge vor einer Lehmwand voll rätselhafter Bild- und Schriftzeichen. In den Blicken und Gebärden dieser Menschen mischen sich Stolz und Sorge. Die auf mattem Papier gedruckten Fotos unterstreichen diese Stimmung mit verhaltener Farbigkeit. Darunter auch die Bilder der kongolesischen „Mai-Mai-Milizen“ (2003). Die Kindersoldaten werden mit Drogen ruhig gestellt. Sie halten sich für unverwundbar, man hat ihnen eingeredet, dass feindliche Gewehrkugeln sich in Wasser (Mai-Mai) verwandeln. Drogen dämpfen die Angst. Guy Tillim hat die Jungen in ihrer Tarntracht portraitiert, in der sie wie geheimnisvolle Pflanzenwesen wirken. Bilder, schön und schrecklich in einem. Jens Hinrichsen

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