Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

ARCHITEKTUR

Das Elend

hinter den Fassaden

Kann man eine Stadt als Kunstwerk würdigen, die eine Hauptrolle im Holocaust gespielt hat? Der Name Theresienstadt bleibt auf immer mit Hitlers „Musterghetto“ verbunden, in dem schon kurz nach der Zwangsumsiedlung der tschechischen Bewohner 1942 rund 60000 deportierte Juden lebten. Für die meisten war es eine Station auf dem Weg in die Vernichtungslager. Gebaut wurde das heutige Terezin im 18. Jahrhundert als österreichische Grenzfestung gegen Preußen; bis 1996 nutzte tschechisches Militär ihre Kasernen und Kasematten. Trotz der Flut im August 2002, die verheerende Schäden an denspätbarocken Gebäuden und im unterirdischen Gangsystem der Festung hinterließ, gehört das nordböhmische Provinzstädtchen zu den besterhaltenen Beispielen alteuropäischer Festungsbaukunst. Derzeit wird mit EU-Mitteln saniert; Altstadt und Festung sollen in die Welterbeliste der Unesco aufgenommen werden.

Seit 1997 erforschen Studenten der TU Berlin die Baugeschichte und spätere Zweckentfremdung. In Archiven entdeckten sie spektakuläre historische Baupläne. 50 Blätter wurden nun für eine Wanderausstellung ( bis 10. Juli im Architekturgebäude der TU, Straße des 17. Juni 152, Mo.–Fr. 12–18 Uhr, Sa. 12–16 Uhr) reproduziert, die im Museum von Terezin ihren endgültigen Platz finden soll.

Ein zweiter Ausstellungsteil dokumentiert den Bestand, darunter Überreste des Ghettos: Wandbilder und geheime Versammlungsräume in Kellern und auf Dachböden. Hugo Friedmann, Bibliothekar des Ghettos, schrieb 1943: „Oft habe ich mich, erfüllt von Ekel über die Unerträglichkeit des Ghettodaseins, vor diese Rokokofassade geflüchtet und hier Ablenkung, Trost und Hoffnung geschöpft.“

FOTOGRAFIE

Die Schauspieler

hinter den Polizisten

Wahr oder unwahr, das ist nicht immer einfach zu entscheiden bei Karen Yama , Malerin und Fotografin aus New York. Sechs Fotos empfangen den Besucher in der DAAD-Galerie : Sie zeigen New Yorker Polizisten, drei davon Schauspieler, die anderen drei sind echt. Sie sollten die Filmcrew während der Dreharbeiten in Brooklyn beschützen. Allerdings wirken die Insignien der Staatsmacht schon in der Schauspiel-Variante so respektheischend, dass sie auch den realen Job hätten übernehmen können. Eine nette kleine Fingerübung zum Thema Wahrnehmungsmuster und Ikonografie, hart an der Grenze zur Banalität.

Interessanter ist die zweite Bilder-Serie, die Yama in der Berliner Ausstellung (DAAD-Galerie, Kurfürstenstraße 58, bis 11. Juli; täglich 12.30–19 Uhr) präsentiert. Vielleicht hat sich die Künstlerin dabei ein wenig von der Erzähllust ihres Ehemannes, des Schriftstellers Jeffrey Eugenides, anstecken lassen. Jedenfalls ist sie in Like Family einem Phänomen auf der Spur, das es derart ausgeprägt wohl nur in den USA gibt. Yama fotografierte verschiedene Arbeitsplätze, die alle eines gemeinsam haben: Sie sind über und über bestückt mit Bildern der Liebsten, des Ehepartners, der Kinder. Eigenartige Konstellationen ergeben sich da: Der Jüngste, offenbar Vaters größter Stolz, neben Telefonliste und Kantinenplan. Dezent ins Malerische verfremdet, offenbaren diese Collagen des öffentlich gemachten Privaten nicht nur die Sehnsucht, sondern auch die Konvention einer heilen Welt, die es so schlichtweg nicht geben kann. Das wäre nicht weiter schlimm, wäre da nicht dieser subtile Druck, der – so Yama – Andersartigkeit ächtet und dem Harmlosen die Harmlosigkeit nimmt. Ulrich Clewing

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