Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KLASSIK

Triumph der

entfesselten Geige

Es ist nicht nur die Punkfrisur. Der ganze Mann ist ungewöhnlich. Nigel Kennedy pfeift auf die E-oder-U-Schablone. Spielt, was seine Geige hergibt und wirft sein Publikum in Wechselbäder: Noch gibt er den launigen Stand-Up-Comedian, im nächsten Moment schließt er die Augen und gibt sich ganz Johann Sebastian Bachs Partita Nr.2 in d-moll hin. Obwohl, so ganz reibungslos dringt er nicht aus Kennedys Guarneri, der Bach, mit dem das Freiluftkonzert vor der Alten Nationalgalerie beginnt. Die Verstärkeranlage steigert noch Kennedys anfänglich etwas spröden Violinenton, der schnelle vierte Satz wirkt wie aus dem Notentext nachbuchstabiert. Aber mit der berühmten Chaconne erleben wir den klassischen Kennedy at his best: expressiv, klangsinnlich, hingebungsvoll.

Harter Schnitt: Dass Kennedys Programm „East meets East“ heißt, wird erst im zweiten Teil unter Beweis gestellt. Hier werden schillernde Facetten osteuropäischer Musik zusammengetragen und gelegentlich mit Jazz- und Rock-Elementen angereichert. Dass die Mischung stimmt, dafür sorgt fulminant das dreiköpfige polnische Trio Kroke, verstärkt durch den Schlagzeuger Thomas Grochot. Mit dem serbischen Volkslied „Ajde Jano“ beginnen diese Fabulous Five tänzerisch, gehen in das nebulös-trunkene „Vino“ über, um sich dann dem furiosen Rhythmus von „Dafino“ hinzugeben. Nigel Kennedy seufzt im Flageolett in „Ederlezi“ (bosnisch) und tritt mit Elektrogeigen-Soli in die Fußstapfen von Jimi Hendrix.

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POP

Rückkehr der

kreischenden Gitarren

Noch ist Sonne zwischen dräuenden Wolken über der Wuhlheide . Und Franz Ferdinand machen aus dem schweren Stand der Vorgruppe das Beste. Vielleicht das Beste des Abends. Leidenschaftlich peitschen die vier dünnen Jungs aus Schottland in ihre Rhythmus-Gitarren, Bass und Schlagzeug, verquirlen unbekümmert 60er-Jahre-Geriffe mit heftigem Punkungestüm. Eine Stunde Spaß und Energie. Dass Ash aus Nordirland versiertere Routiniers sind, macht sie nicht unbedingt zur größeren Attraktion, doch ihr hart gerockter Power-Pop mit melodischem Gesang erfreut eine weitere gute Stunde. Ob das Wetter hält?

Ob die Pixies halten, was ihre Vergangenheit versprach? Immerhin war die Indie-Band aus Boston mit ihrem melodischen Gelärme und dem Album „Surfer Rosa“ (1989) stilprägend für Kurt Cobains Nirvana. 1992 lösten sich die Pixies auf, und der Himmel weiß, warum sie zwölf Jahre später mit ihrem alten Programm wieder auf die Bühne gehen. Die Fans brechen in schweres Getöse aus, als die vier im Gänsemarsch an die Instrumente marschieren. Drei kahlköpfige Herren: Joey Santiago, Hemd reingesteckt, Gibson Les Paul. Black Francis, Hemd rausgehängt, Fender Telecaster. David Lovering, Hemd sieht man nicht, Rumm-Drums, Midtempo. Und die Dame: Kim Deal, lange schwarze Haare, knurpelige Achtel am knallroten Bass. Pulsierender Backbeat. Black fistelt im Mickymausfalsett. Krachender Refrain in tieferer Lage. Gitarren kreischen. Black brüllt. Deal lächelt. Singt „Oh-ho-oh-oh“ mit den Fans: „Where Is My Mind“. Die Band, etwas schludrig, braucht eine Weile, bis sie den gemeinsamen Nenner findet. Aber dann: „Here Comes Your Man“. Ekstatisches Wabern, Hüpfen und Schütteln im Auditorium. 90 Minuten lang. Über der Bühne schwebt ein angebeulter Mond. Wetter hat gehalten. H. P. Daniels

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PERFORMANCE

Abflug in den

europäischen Himmel

Die Treppenstufen sind rutschfester, als ihr Aluminiumbelag aussieht. Trotzdem kann einem schwindelig werden in der Niederländischen Botschaft , die Rem Kohlhaas entworfen hat. So hat der Star-Architekt in einen aus dem Gebäudekubus herauskragenden Gang einen grünen Glasboden eingezogen. Mit jedem Schritt schweben wir scheinbar überm abgrundtief gähnenden Straßenpflaster.

Die Botschafts-Besichtigung bildet zusammen mit einem zweiten Teil, der sich ohne Schwindel ebenerdig zuträgt, den Performance-Abend „Die Botschaft“. Über die Protagonisten der holländischen Gruppe Dogtroep stolpert man gelegentlich schon im Treppenhaus, das sich wie ein Wurm durch den Baukörper nach oben frisst. Auf der ausgedehnten Dachterrasse warten die nächsten Überraschungen. Zum Beispiel ein herrlicher Berlin-Ausblick bar jeden Schwindelgefühls. Und die seltsame Figur eines Politikers, der mit Parolen um sich wirft. Dann seilt er sich spektakulär in die Tiefe ab.

In der perfekten Show, die sich auf dem Botschaftsvorplatz abspielt, vereinnahmen die Dogtroep-Akteure Kohlhaas´ Gebäudekomplex als Freilichtkulisse, als wäre er nie für etwas anderes gebaut worden. Auf dem Roten Platz in Moskau waren sie auch schon. In Berlin führt Dogtroep eine mit Instrumental- und Chormusik unterlegte Revue voll beißend-komischer Absurditäten auf (2. bis 10. Juli, 21 Uhr. Niederländische Botschaft, Klosterstraße 50. Tickethotline: 030 308785685) .

Da wäre jener machtbewusste Polit-Kandidat, der unentwegt die große Geste zelebriert und stets vor Gewehrsalven Deckung nehmen muss. Eine Botschafts-Putzfrau offenbar osteuropäischer Herkunft lebt ihre Reinigungswut mit einem riesigen Staubsauger-Auto. Ihre liebeshungrige Tochter droht anfangs vom Dach zu springen, wird zwischenzeitlich von der Mutter in die Mülltonne gestopft und später mit dem Politiker verkuppelt. Als der nach einem Attentat dekorativ verblutet ist, stimmt seine Geliebte ein Requiem auf der Orgel an, während ihre omnipotente Mutter, in die europäische Flagge gehüllt, gen Himmel entschwebt. Jens Hinrichsen

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