Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Weltenwanderung

mit Schürfwunden

Im Orchestergraben vitalisiert er Mozart und Verdi, doch die eigentliche Leidenschaft Kirill Petrenkos gilt der spätromantischen Sinfonik, den enigmatisch oszillierenden Sinfonien Gustav Mahlers. Zum Abschluss der Konzertsaison wagt er mit seinem Orchester die Sechste – ein Kraftakt für die durch etliche Aushilfen verstärkten Musiker, die kaum alle auf der Bühne der Komischen Oper Platz haben. Dass sie es an Klangschönheit nicht mit der übermächtigen Konkurrenz der großen Berliner Sinfonieorchester aufnehmen können, wissen sie selbst am besten: Sie erkämpfen sich ihren Mahler, Schürfwunden inklusive.

Doch Petrenko kommt es auch gar nicht auf traumverlorene Entrückungszustände an, er setzt auf Getriebenheit: Das Scheitern dieser „tragischen Sinfonie“ (Alma Mahler), das die Hammerschläge des Finales verkünden, ergibt sich bei ihm aus der Erschöpfung des Weltenwanderers, dem in diesem sinfonischen Universum keine bleibende Statt gegönnt ist: Petrenko zwingt alles unter den unbarmherzigen Schlag eines Marschrhythmus. Choral und Kirmeslärm, Alpenecho und Militärparade ziehen in episodenhafter Flüchtigkeit vorbei. Selbst im langsamen Satz wird der müden Seele keine Rast gegönnt: Die aufwallenden Streicherkantilenen spiegeln nur Sehnsucht, nicht Erfüllung. Ein großer Abend – und Petrenko dirigiert hoffentlich bald einmal die Philharmoniker.

KUNST

Kinderheim

mit Schlafsaal

Eine gute Stunde dauert die Fahrt mit dem Auto von Berlin in Richtung Südosten in die kleine brandenburgische Ortschaft Groß Leuthen . Im dortigen Wasserschloss findet momentan die XI. Rohkunstbau statt (bis 22. August). Und man muss fast ein bisschen aufpassen, die Schwärmerei nicht zu übertreiben: Den Kuratoren Arvid Boellert und Mark Gisbourne ist es gelungen, zwölf Künstler auszuwählen, die in ihren Arbeiten das Schloss, die Natur, den See, die Mythen und die Kunst auf vielfältige Art zum Leuchten bringen. Sie holen das Außen nach innen und lassen das Drinnen wieder nach draußen strahlen (Thomas Florschuetz, Markus Huemer). Sie greifen die alten Geschichten der Gegend (Kristina Incuiraite) und des Hauses (Lina Kim, Miroslaw Balka) auf, das in der DDR ein Kinderheim war. Und sie fragen nach den Wegen, die Kultur, Erinnerung, die individuelle Prägung nehmen (Chen Shaofeng, Susan Hiller, Yinka Shonibare).

Die Höhepunkte aber stammen von Joao Penalva und Cornelia Schleime: Der Portugiese überträgt Videobilder vom Uhrturm des Schlosses live in einen abgedunkelten Raum – eine ergreifende Metapher für den Triumph der unerbittlichen Zeit. Cornelia Schleime dagegen hat Vorhänge vor die Fenster gehängt und Bilder von schlafenden Kindern an die russisch-grünen Wände, ein morbides Gedicht dazu: ein Gesamtkunstwerk, ein Meisterwerk. Ulrich Clewing

THEATER

Ehekrach

mit Hausfreund

„Wo sind wir hier eigentlich?“, fragt Stephan Schill am Schluss, „beim Vorspiel oder beim Nachspiel?“ „Beim Endspiel“, antwortet Herbert Herrmann – und meint damit nicht die Fußball-EM in Portugal, sondern seine Ehe. Mit Curt Flatows „Endspiel“ hat die Komödie am Kurfürstendamm ein federleichtes Sommer-Lustspiel im Programm (bis 1. August), ein professionell konstruiertes Drei-Personen-Stück, das klassische well made play: Beate und Axel haben sich im Urlaub getroffen und geheiratet, noch bevor sie sich richtig kennen lernen konnten. Kein Wunder, dass die Ehe gar nicht erst bis zum verflixten siebten Jahr hält.

Das Interessante an diesem Abend sind allerdings weniger die passgenau platzierten Gags und gut gebauten Dialoge, sondern die Schauspieler selber: Herbert Herrmann , der auch selber Regie geführt hat, gibt hemmungslos den charmanten Pedanten, Astrid Kohrs wirkt als Ehegespons absolut authentisch in ihrer naiven Heiterkeit. Der Dritte im Bunde ist in diesem Fall kein Nebenbuhler, sondern der schwule Hausfreund der Gattin: Stephan Schill darf zum Gaudium des Saals alle Tunten-Klischees durchdeklinieren – und doch macht sich im Laufe des kurzweiligen Abends ein Gedanke im Hinterkopf breit: Könnte es sein, dass solche Komödien mehr zur Integration der Homosexuellen beitragen als die allermeisten politisch korrekt gemeinten Aufklärungskampagnen? Frederik Hanssen

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