Kultur : KURZ & KRITISCH

Meike Feßmann

LITERATUR

Das Tuch

zur Freiheit

Das Rätsel Mann, in sieben Ausformungen auf die Bühne gestellt, lang und kurz, dickbäuchig und hager, mit tumbem und beseeltem Blick, sinnend, raunend, balgend, kämpfend, mordend: eine Abenteuerreise im Schnelldurchlauf. Gerade mal eine gute Stunde benötigt das Ensemble, streng und ironisch dirigiert von der Regisseurin Agnes Hansch – und schon steht das Langgedicht von Michael Roes mit der vollen Wucht körperlicher Präsenz auf der Bühne des Hebbel-Theaters . „Kain-Elegie“ heißt das Werk, das zeitgleich mit der Premiere als Buch im Parthas Verlag erschienen ist. Das Zusammenspiel von Lyrik und dramatischer Darstellung funktioniert selten so gut wie hier. Die biblische Legende von Kain, der seinen Bruder erschlägt, wird als Ursprungsmythos unserer Zivilisation kenntlich. Ursprung der Gewalt, aber auch der männlichen Sehnsucht nach Berührung und Nähe, die sich oft genug nicht anders artikulieren kann als in den Gesten des Kampfes, des In-die- Knie-Zwingens, des Auf-den-Boden- Werfens. Manchmal ist es Spiel, manchmal blutiger Ernst.

Ebenso entschieden wie die Regisseurin geht die Bühnen- und Kostümbildnerin Halina Kratochwil zu Werke. Ein karger, schwarzer Bühnenraum, ein Vorhang aus Leinenbahnen mitten auf der Bühne. Sie strukturieren den Raum, werden, heruntergelassen, zum schmalen Durchgang, hochgezogen, zur Freiheit einer grenzenlosen Welteroberung. Eine einzelne Bahn dient als Tuch: Leichentuch des erschlagenen Abel, der, eine Jesusfigur, darin verborgen wird. Punktgenau ist diese Text- und Aufführungspremiere platziert: Endpunkt des Poesiefestivals und der Fußball-Europameisterschaft in einem.

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KUNST I

Das Bild

zum Aufstand

Im Herbst 1872 reiste Adolph Menzel zum ersten Mal nach Oberschlesien. Dort, im Stahlwerk Königshütte, wollte er Eindrücke sammeln für ein Gemälde, das zu einem seiner berühmtesten werden sollte: das „Eisenwalzwerk“. In Königshütte hatte das Militär ein Jahr zuvor einen Arbeiteraufstand gewaltsam niedergeschlagen, entsprechend angespannt war die Atmosphäre, in der Menzel innerhalb kurzer Zeit mehr als hundert Skizzen und Zeichnungen anfertigte. Rund zwei Dutzend davon sind im Moment in einer kleinen Kabinettausstellung in der Alten Nationalgalerie zu sehen: Ausdrucksstudien, im Bewegungsablauf angehaltene Körper, eine düster wirkende Ansicht eines „Hochofens mit Rohrleitungen“, allesamt mit bewundernswert sicherer Hand dahin geworfen (Museumsinsel, Di–So 10–18 Uhr, Do 10–22 Uhr, bis 19.Sept.).

Menzel war nicht nur als Maler, sondern auch als Zeichner treffsicher, dabei kühl im Blick und distanziert im Gestus. Ihm ging es um die objektive Darstellung der Situation, nicht um Parteinahme. Ergänzt wird die vom Kupferstichkabinett bestückte Ausstellung durch ein paar Blätter, in denen der Künstler das Thema „Arbeit“ schon vor seiner Abreise nach Oberschlesien behandelt hatte. Das prachtvollste ist die Grußadresse zum 50-jährigen Bestehen der Berliner Firma Heckmann, wo dionyische Putten, eine propere Fortuna und hart arbeitende Eisenschmiede von Girlanden und Grotesken umrankt die alte und die neue Zeit gleichzeitig feiern. Ulrich Clewing

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KUNST II

Der Krug

der Freude

„Immer trunken gemalt.“ Dieses Siegel setzte der chinesische Landschaftsmaler Fu Baoshi häufig unter seine Bilder. Trunken vor Freude an der Natur, zugleich oft schlicht betrunken – nannte man den Künstler auch „Alter Weinkrug“. Das Museum für Ostasiatische Kunst in Dahlem präsentiert anlässlich des 100. Geburtstags Fu Baoshis eine kleine Ausstellung (noch bis 22.08.) einiger seiner Werke, die zu den wichtigsten neuerer chinesischer Malerei gehören. Die 16 Rollbilder zeigen vormoderne Idylle: Gelehrte am Bergbach, ein greiser Angler am Fluss, Wildgänse am sandigen Strand. Mit Tusche und leichten Farben brachte der Künstler die Landschaften zu Papier, mal mit feinen Strichen, mal grob laviert. In Motivwahl und Technik folgt Fu Baoshi der Tradition. Dennoch lassen einige Bilder westliche Einflüsse erkennen – eines ist gar in der für asiatische Kunst ungebräuchlichen Zentralperspektive gemalt. Die westliche Malerei war ihm vertraut, hatte er sie doch neben der japanischen an der Kunstakademie in Tokio studiert. Schwieriger hingegen fiel ihm, nach Ausrufung der Volksrepublik 1949 die Forderungen nach Lebensnähe in seine Arbeit zu integrieren. Die Stromleitungen auf einem Bild fallen nicht sofort ins Auge, Punkte am Horizont könnten LKWs darstellen. Den Grausamkeiten der Kulturrevolution entging der feinsinnige Maler jedoch: Er starb 1965, ein Jahr vor deren Beginn. Daniel Völzke

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