Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

KUNST

Wie ironisch ist

Nivea-Crème?

Seit wohlstandserfahrene Generationen die Geschmackshoheit über den Kunstmarkt übernommen haben, soll Malerei vor allem eines sein: superironisch. Denn ironiefrei wären viele der kanzleikompatiblen Gestiker ebenso unerträglich wie das vermeintlich medienkritische Spiel mit Popikonen und Bildschirmästhetik, das erfolgreiche Jungmaler anrichten. Der 1961 geborene Maler Jens Lorenzen setzt gegen die neue deutsche Oberflächenkunst so etwas wie handgemachte Tiefe – und laviert mit Bildern, die halb Mischtechnik, halb Materialcollage sind, doch nur scharf am Kunstgewerbe vorbei. Rund 60 Gemälde und einige Arbeiten auf Papier aus den letzten drei Jahren hat der in Berlin lebende Künstler für die Stiftung Stadtmuseum zu einer Werkschau im Ephraim-Palais zusammengestellt (Poststraße 16, bis 8. August, Di-So 10-18 Uhr). Ihr Thema: die Werbung.

Lorenzen bemüht das volle Programm der Marken und Mythen: Coca Cola, Dr. Oetker, Nivea. Kaviardosendeckel als Tondi in Renaissancemanier. Eine betonbusenbewährte Kosmetikschönheit hier, etwas russische Revolutionsromantik dort. Fast alle ausgestellten Werke stammen aus Privatbesitz. In den privaten Rahmen einer Galerie, nicht in das Berliner Stadtmuseum, hätte auch diese Präsentation gehört. In Lorenzens Kombination der Labels und Images mit Versatzstücken kollektiven Bildbewusstseins steckt, wenn überhaupt, ein eher schlichter Doppelsinn. Amerikanische Landschaften, alte Jagdflugzeuge und überdimensionale Poststempel: Fertig ist die Bildkritik. Veredelt durch einen an italienische Fresken erinnernden Farbauftrag. Schön, wenn der Super-Illu-Verlag oder die Volkswagenbank die malerische Umsetzung des eigenen Produkts erwerben. Was sind wir aufgeklärt. Und superironisch.

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OPEN AIR

Wie preußisch ist

der Buena Vista Social Club?

Ein ungewöhnliches Experiment: Das Deutsche Filmorchester Babelsberg trifft auf 16 kubanische Musiker des Buena Vista Social Club samt Starsolisten Omara Portuondo und Ibrahím Ferrer . Und natürlich interpretiert Portuondo „Siboney“, ein Stück des klassischen Komponisten Ernesto Lecuona, nicht als Kunstlied, sondern als tropische Ballade mit viel Jazzgefühl. Doch erstaunlich ist, wie kraftvoll, dynamisch und erfrischend die Stimme der 1930 geborenen Sängerin auch heute noch klingt. In den Fünfzigerjahren gehörte Portuondo der Bewegung des „Feeling“ an, als moderne Troubadoure die Lyrik kubanischer Balladen mit dem Impressionismus Debussys verschmolzen und musikalische Einflüsse aus den USA aufgenommen haben.

Bei Balladen wie „Tabú“ erweist sich die große orchestrale Begleitung dann auch als stimmig – sie bringt viel Farbe, schroffe Bläsersätze und dramatische Streicherharmonien ins Spiel. Die rasanteren Stücke, flotte Guajiras und Guarachas als Charanga-Format arrangiert, wirken dagegen etwas eckig und zackig. Der hier durchs Preußische gespiegelte Mambo-Retro-Look des Orchesters kann nicht immer mit dem geschmeidigen Gesang der Vokalistin mithalten. Xavier Cugat goes Carnegie Hall? Manchmal geht diese Rechnung auf: Wenn Publikumsliebling Ibrahím Ferrer die Bühne betritt und im Duett mit Portuondo eine Cha-Cha-Version von „As Time Goes By“ zum Besten gibt. Schließlich gibt es im ausverkauften Classic-Open-Auditorium auf dem Gendarmenmarkt kein Halten mehr. Und sogar Dirigent Scott Lawton zuckt plötzlich mit den Beinen. Roman Rhode

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