Kultur : KURZ & KRITISCH

Maxi Sickert

WELTMUSIK

Trommeln

für Peru

Barfüßig, fasst schwebend, tanzt eine Frau auf die Bühne des Tränenpalastes , eingehüllt in durchsichtige Tücher. Klein und zierlich ist sie, aber durchdrungen von einer sanften Energie, die sich sofort auf ihre Musiker und das Publikum überträgt. Susana Baca singt einen Lándo, eine Ballade voller Melancholie, den peruanischen Blues. Es ist das letzte Konzert ihrer Europatournee, und die Grammy-Streiterin und ihre Band sind eingespielt. Anders als bei ihrem Konzert vor zwei Jahren in der Passionskirche ist diese Einheit auch sofort zu spüren. Bassist David Pinto streicht klassisch mit dem Bogen, zupft Jazzakkorde oder verfremdet den Sound zu einem hellen Kang, während Gitarrist Sergio Valdeos es schafft, sein Instrument erst wie eine kubanische Tres schnarren zu lassen, dann wieder wie eine Flamencogitarre. Im Hintergrund verbindet derweil Hugo Bravo die traditionellen afro- peruanischen Perkussionsinstrumente, wie die Quijada, einen getrockneten Eselskiefer, oder die Campana, eine Kuhglocke, zu gewundenen Rhythmen, unterstützt von Cajónspieler Juan Medrano Cotito, der auf einer hölzernen Kiste sitzt, auf die er gleichzeitig eintrommelt. Fernab von Panflöten-Folklore kann man die Musik von Susana Bacas nicht als Weltmusik abtun. Ihre sozialkritischen Texte wenden sich gegen Armut, Unterdrückung und Korruption in Peru und finden zu einer universellen Sprache, die sich sogar ohne Worte mitteilt.

Am Ende ihres fast dreistündigen Konzerts bekommt sie stehende Ovationen und bedankt sich bei dem peruanischen Botschafter, bei ihrer Familie – und vor allem bei David Byrne, der sie vor neun Jahren zu seinem Label Luaka- Bop holte und ihr damit erstmals ein internationales Forum gab – für ihre Musik und ihre Mission.

THEATER

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für die Liebe

Auf ihrem rosa Rock tanzen pinke Punkte, die Haare ihrer weißblonden, akkurat geschnittenen Perücke fallen der zierlichen Schauspielerin ins Gesicht, als sie durch die wenigen Stuhlreihen der stickigen Blackbox hetzt. Auf der Suche nach einem gewissen Johnny, der angeblich ihr Geliebter ist, befragt sie die Zuschauer im Berliner Orphtheater in militantem Ton. Nach deren Haarfarbe zum Beispiel. Zögerlichen Antworten ins Mikrofon setzt die Schauspielerin Anne Osterloh harsch entgegen: Braun? Negativ! Blaue Augen? Negativ! Johnny findet sich lediglich als Abbild–eine schlechte Schwarzweißkopie, einziges Relikt einer vergangenen Liebe, aufbewahrt in einer geduldig gefalteten Klarsichthülle.

Die Regisseurin Gundula Weimann, hat „Alles. In einer Nacht“ , den Erstling des Autors und Regisseurs Falk Richter, uraufgeführt in den Hamburger Kammerspielen, zur Vorlage eines Verwirrspiels um Schein und Sein genommen. Der Ebene des Schauspiels setzt Weimann eine Figur entgegen, deren Identität sich aus fiktiven Versatzstücken und medialen Splittern speist. Zentrales Mittel der Inszenierung ist die Interaktion mit dem Publikum. Neben musikalischen Einspielungen, die den Abend streckenweise künstlich verlängern, da sie nicht mehr sind als abgewaschene, sehnsuchtsvolle Liebeslieder, gibt es filmische Einspielungen, die dominiert werden von Hitchcocks „Vertigo“. Nicht immer funktioniert Timing.

Dennoch gelingt es Anne Osterloh, die Tragik einer Figur zu erarbeiten, deren Wesen zu keiner Übereinstimmung mehr mit sich selbst kommt. All das mit einer Nähe zum Zuschauer, die ihre Schminke riechen lässt. (Orphtheater, Mitte, Ackerstr. 169, weitere Aufführungen 9. – 11. Juli, 20 Uhr) Kirsten Wächter

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