Kultur : KURZ & KRITISCH

Carmela Thiele

KUNST

Wenn es Nacht wird

im Museum

Der erste große Auftritt der Documenta- 11-Künstlerin Joëlle Tuerlinckx in Deutschland unterläuft alle landläufigen Vorstellungen von Kunst. Im Badischen Kunstverein in Karlsruhe (bis 5. September, Katalog 35 €) sind verschiedenfarbige Stöcke, ausgeschnittene Kreise und Linien sowie Wandbeschriftungen zu sehen. Ansonsten bleiben die großen Räume leer. Beeindruckend, wie die belgische Künstlerin mit kargen Mitteln über mehrere Stationen hinweg einen Reflexionsraum schafft, der sowohl das neobarocke Gebäude als auch die Institution Kunstverein behandelt. Fast alle Räume sind zusammen mit dem niederländischen Künstler Willem Oorebeek entstanden, der zunächst als Gast nur einen Saal bespielen wollte. Beide benutzen das Verfahren des „Blackoutens“: Alles wird dunkel, alle Vorstellungsbilder sind gelöscht, der Besucher erkennt nur das Nachbild der Welt. In Karlsruhe stellt Tuerlinckx einen begehbaren Container, den sie vor vier Jahren auf der Manifesta 3 in Ljubljana zeigte, auf den Friedrichsplatz. Die Fenster sind mit dunklen Folien überklebt, so dass der Eindruck entsteht, es sei Nacht. Oorebeek hingegen überdruckt „gedruckte Information“ mit schwarzer Farbe, die eine schimmernde Oberfläche hinterlässt. Die irritierenden Videos von Tuerlinckx fehlen diesmal, aber auch diese Ausstellung verwandelt sie in einen Erfahrungsraum.

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KINO (1)

Wenn es indisch wird

in New York

Wenn es das Leben mal wieder schlecht mit einem meint, vertraut so mancher auf ein Stoßgebet gen Himmel. Darauf hoffen auch die Kapurs in ihrem beschaulichen New Yorker Immigrantenviertel. Nach dem Selbstmord des Vaters gibt es nicht viel Freude im Haus der indischstämmigen Familie. Naina kümmert sich neben dem Studium um ihre jüngeren Geschwister, ihre duldsame Mutter Jennifer betreibt erfolglos ein Restaurant und steht im Clinch mit der Schwiegermutter. Rettung naht in Gestalt eines gut aussehenden jungen Nachbarn. Aman, ein Engel von Mensch, veranstaltet gleich bei seiner Ankunft ein rauschend-buntes Straßenfest. Und er wird den Kapurs beibringen, das Jetzt zu genießen.

Alles in dieser Bollywoodproduktion hat einen Hang zum Überdeutlichen. Raffiniert sind allerdings die ausgeklügelten Choreografien und Farbkompositionen: ein Fest für die Augen. Gleichzeitig ist „ Indian Love Story –Kal Ho Naa Ho“ (OmU, in Berlin: Hackesche Höfe, Kant) eine Antwort auf Hollywoods Aneignung der Bollywood-Musicals. Regiedebütant Nikhil Advani , dessen New-York-Erfahrung sich aus „Harry & Sally“ und Woody-Allen-Filmen speist, inszeniert die Stadt wie in einem Reiseführer: In gut drei Stunden werden dem Publikum neben der romantischen Komödie mit Sitcom-Dialogen ein Melodram, eine Musikrevue, mehrere Modenschauen und eine virtuelle Stadtrundfahrt geboten. Hinzu kommt ein verspielter Mix aus Hindu und Englisch, und der Soundtrack verbindet Hip-Hop, Disco und Rock mit traditionellen indischen Musikstilen. Und New York wird zum exotischen Ort, bevölkert von 1001 Ethnien. Da kommt ein Engel wie gerufen. Thomas Abeltshauser

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KINO (2)

Wenn es bunt wird

im Paradies

Was, wenn die Apokalypse genauso aussieht wie der Garten „Eden“ (in Berlin im Balasz-Kino)? Also bunt und unbedingt handgemalt? Man sollte überhaupt nur selbstgezeichnete Welten bewohnen, wo man die Sonne mit der Hand an den Himmel kurbeln kann und selber entscheidet, mit welchen Geschöpfen man zusammenlebt. Die Evolution, dachte sich der polnische Zeichner Andrzej Czeczot , ist eine Sache, die man unbedingt in die eigene Hand nehmen muss. 1981 emigrierte der Illustrator in die USA. Zur Verwirklichung seines Lebenswerks – eines abendfüllenden Zeichentrickfilms – kehrte er nach Polen zurück. Und Czeczot erlebte, was schon Gott durchmachte: Schöpfung ist Knochenarbeit. Sechs Jahre, von 1996 bis 2002, braucht er für die Erschaffung der Welt.

Der Held von „Eden“ ist ein kleiner, schwarz-weißer Hirtenjunge mit Flöte. Wenn schon die Welt bunt ist, ist man selber besser schwarz-weiß. Youzeck wandert durch Himmel und Hölle und trifft auf ein himmlisches Trio (Saxofon, Tommel, Kontrabass), das einen Flötisten sucht, aber nie herunterkommt von seiner Wolke. Es sei denn, die drei Heiligen werden heruntergeschossen. Oder heruntergefressen, was meist das spatzenschnäbelige Kuhvogel-Monster mit Engelsbeinen übernimmt.

Es wird überhaupt viel geschossen und gefressen in „Eden“. Menschen, die schon etwas älter sind, sind nämlich keineswegs auch reifer. Reife ist eine Kategorie zur Beschreibung von Käse und Obst. Czeczots Bilder sind bekennend infantil – nur dass kein Kind sie malen könnte. Der Sarkasmus ist das ganz und gar Unkindliche an „Eden“. Jeder frisst jeden, so ist das in der Evolution. Teilnehmer von Czeczots Evolution sind außer dem Hirtenjungen Prometheus, Dali, Noah und Anhang, George Washington, Dali , Chopin. Dass der Himmel aussieht wie Las Vegas, ist wahrscheinlich höherer Realismus.

„Eden“ hat nur einen Fehler. Nicht dass seine Logik die Unlogik ist. Aber „Eden“ ist nicht lustig. Der Film ist wie eine Wunderkerze, an beiden Enden angezündet, und plötzlich ist sie verpufft. Ist das auch höherer Realismus? Kerstin Decker

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