Kultur : KURZ & KRITISCH

Hans von Seggern

SCHLAGER

Wenn Männer

Nyltest-Hemden tragen

„Wir sind zwar keine Menschenfresser, doch wir küssen dafür umso besser“, heißt es in einem Hit, der das Selbstbewusstsein der Nachkriegsdeutschen auf den Punkt bringt. Früher Nazi-Götterdämmerung, jetzt machen wir auf locker – Grundsatz Nummer eins der „Eingeborenen von Trizonesien“. Frauen sind schön, Männer irgendwie: der Revue „Fifty Fifty“ im Tipi am Kanzleramt zufolge ein weiterer Grundsatz der Gesellschaft der Fünfzigerjahre. Es sei denn, der Mann ist ein „Beau“: So sehen wir den Kaugummi kauenden Ami und den Italiener im rot-weißen Streifenhemd, der den Frauen den Kopf verdreht, während der hässliche Deutsche allenfalls mit Isetta und Nyltest-Hemd punktet. Corny Littmanns Revue baut ganz auf die vorgeschützte Unschuld der Fünfzigerjahre, im Vertrauen darauf, dass sich allein durch ein halbes Jahrhundert historischer Distanz ein Ironie-Effekt einstellt. Daran ändern auch die zwei Ewiggestrigen nichts, die sich über die Jugend sorgen, die im Deutschland Adenauers und Globkes nun „führerlos“ dastehe.

Wirklich satirisch gibt sich Littmanns Show allein gegenüber dem Ideologie-Quatsch des Ostens. Mit der volkseigenen „Bonbon-Pionierbrigade“ und der Tanzstunde im „antikapitalistischen“ Lipsi-Schritt erntet sein professionell agierendes Ensemble den größten Applaus. Rund fünfzig Schlager bringt „Fifty Fifty“ zu Gehör – eine furiose tour de force. Das rockt und rollt und popocatepetl-twistet ganz rasant. Dabei werden Handlungsstränge ebenso schnell fallengelassen, wie sie eingeführt wurden: Es bleibt der Eindruck eines Potpourris, zu dem man sich nur halb durchgerungen hat.

* * *

JAZZ

Wenn Engel

auf den Lippen sitzen

Es ist schon ein paar Jahre her, seit James Carter zuletzt mit einer Straight- Ahead-Formation in Berlin war. Zuletzt konnte man ihn mit seinem Electric-Trio beim Jazzfest 2000 sehen, ein Jahr später mit seinem Gypsy-Projekt im Tränenpalast. Ein Konzert, das nicht viel von dem einst hoch gehandelten Saxofonisten übrig gelassen hatte. Am Freitagabend im Quasimodo präsentierte sich der mittlerweile 35-jährige James Carter dagegen in Hochform. Mit neuer Rhythmusgruppe und verstärkt durch seinen alten Detroiter Kumpel Dwight Adams auf der Trompete, zog er weite Melodiebögen, schraubte seine Soli in höchste Register und schuf so eine Klangkathedrale auf dem Fundament des Blues.

Seine Stärke sind immer noch Balladen, die er so sanft und lyrisch bläst, als würden ihm Engel auf Händen und Lippen sitzen. Ganz verzichtete er aber doch nicht auf seine Spielchen und ließ das Saxofon knurren wie einen Hund oder rauschen wie der Wind. Obwohl Carter, das einst von Wynton Marsalis entdeckte Wunderkind, in diesem Jahr zum besten Bassklarinettisten gewählt wurde, spielte er an diesem Abend nur Tenor- und Sopransaxofon. Erst in der Zugabe improvisierte er auf Klarinette und Querflöte. Es war ein Konzert, das James Carter wieder dahin gebracht hat, wo er hingehört: unter die Top 10 der derzeit besten Saxofonisten. Maxi Sickert

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