Kultur : KURZ & KRITISCH

Mikko Stübner

KOMÖDIE

Wenn Rentner

rappen

Bedrohlich schwebt die Peinlichkeitsfalle über der Bühne. Jochen Busse trägt Sonnenbrille und Baseballmütze – natürlich verkehrt herum. Er setzt an zum Hip-Hoppen, jedenfalls zu dem, was ein 63-Jähriger darunter versteht. Seine zappeligen Verrenkungen erinnern an Bill Cosby, der sich ja auch gerne um den Dialog der Generationen bemüht. Doch bevor die Falle zuschnappen kann, zerstört Busse die Illusion und reflektiert sein Tun selbstironisch. Ein würdiger Auftakt zum Komödien-Marathon, der bis zum 12. September am Theater am Kurfürstendamm gespielt wird. „Einmal nicht aufgepasst“ verfolgt dabei Ferenc Molárs Schema der Tochter aus gutem Hause, die in eine ferne Großstadt zieht und unverhofft Besuch von ihrer Erziehungsberechtigten bekommt.

Wie Billy Wilder in „Eins Zwei Drei“ haben sich auch Dietmar Jacobs und Lars Albaum für Berlin entschieden, so dass sich die Kapitalistentochter Sarah in einen proletarischen Ostberliner verlieben kann. Christian Furrer verkörpert diesen Danny überzeugend und zeitgemäß als Fahrradkurier und DJ. Nun droht in Sarahs Studenten-Bude im Prenzlauer Berg Familienkrach, den Jochen Busse als Schutzengel abwenden soll. Routiniert, aber mit Einsatz zündet er sein Pointenfeuerwerk, die anderen Schauspieler halten das Tempo. Timing und Requisiten stimmen, die Witze sind lustig – und der Sommerspaß gelungen.

MUSIKWETTBEWERB

Wenn der Mond

bei Tag scheint

Wie auf Zehenspitzen tasten sich die vier Musiker durch Sergej Newskis „Bastelmusik“. Kurze Klangaktionen verweben sich zu einem Teppich, der Sorgfalt und Vorsicht atmet. Jede klangliche Verdichtung birgt die Gefahr, die zarte Balance zu kippen – die Hörer beim Wettbewerbskonzert des Boris-Blacher-Preises spüren es und fiebern mit. 16 Teilnehmer verzeichnet der Wettbewerb 2004, sie kommen aus den beiden Berliner Musikhochschulen und aus Frankfurt, dessen Hochschule neuerdings Kooperationspartner des Wettbewerbs ist. Die Jury unter Vorsitz von Gerty Herzog-Blacher hatte nun fünf Werke für die Endausscheidung ausgewählt.

Auf Klangpracht setzt allein Johannes Borowski, der in seinem groß besetzten Ensemblestück „Drähte“ das Ensemble Mosaik aufmarschieren lässt. Das spielt auch durchaus in beeindruckender Homogenität, leider wirkt das Stück etwas kalkuliert und glatt. Eric Janson begnügt sich hingegen mit einem Musiker, sein Bassklarinettensolo verlangt von Instrument und Spieler (Christian Vogel) fast Unmögliches und entwickelt stellenweise betörend schöne Klangmodulationen. Die Spannung über mehr als 10 Minuten zu halten, gelingt Janson allerdings nicht, aber da ist er in guter Gesellschaft, gelten doch Solostücke zu Recht als eine der schwersten Übungen überhaupt. Von Musils „Mann ohne Eigenschaften“ ließ sich Clemens Nachtmann für sein Klaviertrio „Mondstrahlen bei Tage“ inspirieren. Die von Chatschatur Kanajan liebevoll dargebotenen Geigenpartien rühren an, wenngleich manchem des seligen Mondrausches etwas zu viel ist. Aber das Werk überzeugt als Ganzes, und so darf sich Clemens Nachtmann als Gewinner des Wettbewerbs auf ein Porträtkonzert im Rahmen des Ultraschall-Festivals im Januar freuen. Ulrich Pollmann

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ARCHITEKTUR

Wenn Bayern

bauen

Nach 1945 galt Deutschlands heimliche Hauptstadt München als ein Hort des traditionellen Wiederaufbaus. Doch in den letzten Jahren hat auch an der Isar die Moderne endgültig Einzug gehalten. Die „Fünf Höfe“ der Schweizer Herzog und de Meuron, die Herz-Jesu-Kirche von Allmann, Sattler, Wappner oder das Bürohaus der Münchener Rückversicherung von Baumschlager und Eberle setzen dabei besondere Glanzlichter. Ein Architekturführer dokumentiert jetzt das neue Bauen in München (Nicolette Baumeister, Architektur neues München, Verlagshaus Braun 2004, 160 S., dt./engl. 14,95 €). In gut lesbaren Kurztexten werden 115 Gebäude charakterisiert, so dass sich ein anschauliches Bild des aktuellen Münchener Architekturaufbruchs ergibt. Schade nur, dass zwar auf den „Architekturstadtplan München“ verwiesen wird, der im selben Verlag erschienen ist (12 €), im Buch selbst jedoch fehlt dieser Plan. Jürgen Tietz

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