Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

TANZ

Von Menschen

und anderen Tieren

Endlich Sommer! Die amerikanische Choreografin Sommer Ulrickson bringt verlässlich im Juli ein neues Stück heraus. Auch sie zählt wohl zu den „Creatures of Habit“, den Gewohnheitstieren, die man jetzt in den Sophiensälen (bis 25.7., jeweils 21 Uhr) studieren kann. Ulrickson untersucht menschliches Verhalten in seinen bisweilen absonderlichen Spielarten – und riskiert dabei Exkurse in die Zoologie. Wer mit TV-Sendungen wie „Expedition ins Tierreich“ aufgewachsen ist, wird sich in der Artenvielfalt ihres Tanzstücks gut zurechtfinden. Denn die fünf Tänzer, die vor einer Flokati-Wand lehnen und sich an ihr auch mal wie Fledermäuse zum Verschnaufen aufhängen, haben ihre Überlebensstrategien den Tieren abgeschaut. Da trifft Schlange auf Grashüpfer. Da ist ein Lauern, Luchsen, Anschleichen, Anspringen, Verschlingen und Häuten. Da hängt alles ab von der perfekten Tarnung, dem überraschenden Angriff. Da steht Fressimpuls gegen Fluchtreflex. Animal instincts: Das wirkt oft befremdlich, manchmal witzig oder auch possierlich. Moralische Fabeln sind dies allerdings nicht. Unbequeme Selbsterkenntnis bleibt dem Zuschauer erspart. Dennoch fragt man sich: Bin ich nun Räuber oder Beutetier?

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THEATER

Von Mitspielern

und Außenseitern

Deutschland im Jahr 1837. Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm sind von der Uni geflogen. König Ernst August II. hat es missfallen, dass die Professoren mit den „Göttinger Sieben“ öffentlich gegen ihn protestierten, der allein aus Machtgier die Verfassung von 1833 außer Kraft gesetzt hat.Wie könnte der erste Abend nach der Suspendierung der Brüder ausgesehen haben? Regisseurin Ania Michaelis und Autor Hartmut Mechtel haben sich dazu das Gesellschaftsspiel „Der unbekannte Bruder Grimm“ ausgedacht – es basiert auf authentischen Texten. Mit von der Partie im Hause Grimm sind auch Annette von Droste-Hülshoff und Bettina von Arnim. Als plötzlich das schwarze Schaf der Familie mitten in die Spielerunde „Ochs vorm Berg“ platzt, weicht die Ausgelassenheit einer unangenehmen Stille. Denn mit Ferdinand Grimm betritt ein Verlierer den Raum – einer, mit dem man nicht spielen will. Dargestellt wird Grimm von Ulrike Monecke; deren verblüffend androgynes Wesen macht deutlich, dass Ferdinand nicht zu sich finden kann. Im Nu stürzt man vom köstlichen Amüsement bei „der Reise nach Jerusalem“, enorme Fallhöhen überwindend, in depressionsartige Tiefen, um sich im nächsten Moment, ein romantisches Liedchen trällernd, zu retten. Im Theatersalon der Villa Elisabeth (Mitte, Invalidenstr.2, weitere Vorstellungen vom 21. bis 24.Juli, 21 Uhr), diesem eigenartigen Raum zwischen stuckbehangenem Balkon und Renovierungsbedürfnis, überträgt sich in erster Linie der Spaß des Abends. Leider findet Bühnenbildner Stefan Grebe mit einer hölzernen Kassette, die zwischen Andeutung und Behauptung eines Wohnzimmers steckenbleibt, kein korrespondierendes Element zu diesem Raum. Die Darsteller jedoch, für deren sprachlich wie gesanglich präzise Arbeit Minouche Petrusch als Bettina von Arnim stellvertretend genannt sein soll, bescheren einen Abend voller Leichtigkeit. Kirsten Wächter

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HEIMATKLÄNGE

Von Kaltfronten und

gewittrigem Gitarrenrock

Nieselregen, wetterfest eingepackte Zuschauer, das Heimatklänge-Festival in der dritten Woche: Open Air eines karibischen Winters, wenn graue Kaltfronten aus dem Norden über den Golf von Mexiko und die Großen Antillen ziehen. Doch die heißen Rhythmen von Yerba Buena (auf dem Kulturforum heute, 21.30 Uhr, und So, 16 Uhr) gehen, wie ein kräftiger Schluck Rum, sofort ins Blut. Yerba Buena, was im Spanischen sowohl „Minze“ als auch „gutes Kraut“ bedeutet, richten die Musik fast aller Anrainerstaaten der Karibik an – in einem Kessel, der in Spanish Harlem auf dem Feuer stehen könnte. So gibt die Latino-Band aus Manhattan dem Salsa neue Zutaten bei. Der Gesang: Spanisch, Englisch, Spanglish. „Guajira (I Love U 2 Much)“, der Hit auf ihrem für den Grammy nominierten Debütalbum „President Alien“, kommt unerhört funky daher – eine Mischung aus Son Cubano, HipHop und Boogaloo. Kolumbianische Cumbia mit knarzender E-Gitarre, slappendem Bass und AfroPercussion. Rap und Reggae zum Sample einer chinesischen Trompete aus dem Karneval von Santiago de Cuba, Afrobeat durch gewittrigen Gitarrenrock passiert – Yerba Buena liefern ein intelligentes Kaleidoskop der Stile. Ein bisschen halluzinogen wirkt es schon, dieses Kraut. Etwa wenn Sänger Eduardo Rodríguez zwischen den Brandmauern New Yorks Bob Marley auferstehen lässt und mit seinen Dreadlocks ein Solo auf den Timbales gibt. Und die Hitze vertreibt den Regen. Roman Rhode

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