Kultur : KURZ & KRITISCH

Heike Meyer-von Reden

FOTOGRAFIE

Wenn die Antike

in die Breite geht

Eine funzelige Glühbirne baumelt am Sonnenschirm, eine neon-bunt erleuchtete Popcorn-Vitrine, durch die das violett-fahle Licht der Dämmerung fällt. Es ist eines der schönsten Bilder, mit denen der Fotograf Alex Webb in der Ausstellung „Periplus – Magnum Fotografen im heutigen Griechenland“ zu sehen ist (Willy- Brandt-Haus bis 15.August, Di–So 12–18 Uhr, Eintritt frei).

Webb reiste wie elf seiner Agenturkollegen durch das Land der Olympischen Spiele. Aber blau-weiße Postkartenromantik sah er nirgends. Auch Mark Power hält in seinen an die Becher-Schule erinnernden Bildern das andere, abseitige Griechenland fest – als unbelebte Monumentalidylle der Industriegesellschaft. Die Detailaufnahme eines Autobahnkreuzes wird durch den Bildausschnitt zu einer artifiziellen Komposition, deren realer Bezug nicht mehr bedeutsam ist. Josef Koudelka, ein Veteran unter den Magnum-Stars, berühmt geworden durch seine Aufnahmen vom Prager Frühling 1968, wählt ein extremes Breitbildformat, um nach Spuren der Antike zu suchen und die von der Zeit ausgehöhlten Ruinenfundamente als mächtige Geschichtskulisse zu inszenieren. An Orten wie Delphi, Epidaurus oder Olympia findet er in umgestürzten Säulen, Tempel-Anlagen und Stufen Situationen, die ewig zu dauern scheinen.

Wie Fragmente einer Videoinstallation wirken dagegen die verwischt-grobkörnigen Bilder von Patrick Zachmann. Aus der nächtlichen Finsternis schält sich die Ausgelassenheit einer grell-bunten DiscoSzene. Leider ist die Ausstellung unvollständig, sie beschränkt sich auf acht der zwölf Fotografen. So vermittelt nur der Katalog einen Eindruck, wie eine Reise ins Ursprungsland der abendländischen Kultur aussehen könnte.

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COMEDY

Wenn die Schlüsselbeine

klimpern

In einen quietschgrünen OP-Kittel und passende duschhaubenartige Kopfbedeckung gehüllt, behauptet Herr Ranz in tuntiger Manier, krank zu sein sei jetzt hip. Schließlich könne sich so eine Krankheit nicht mehr jeder leisten. Herr Ranz persönlich schwärmt besonders für die Lepra-Infektion: Da könne man so schön die Fingerglieder zum Give-Away umfunktionieren. Nichts für empfindliche Gemüter.

Thema des Kabarett- und Comedy-Programms „Noch Schmerzen?“ im Kabarett Kartoon ( neue Axel-Springer-Passage, Kochstr. 50 , bis 24.Juli jeweils 20 Uhr, am 25. Juli um 19 Uhr) sind gebrechliche Körper und Gesundheitsreformen. Der Ekelfaktor ist hoch, die Scherze sind makaber, obwohl das Duo Ranz und May sie in wohlklingende Lieder verpackt. Die beiden Potsdamer schrecken vor nichts zurück, was krank aussieht und krank macht.

Wie Michael Ranz, der Protagonist des Abends, die Stadien des Dahinsiechens durchläuft, das zeugt von Verwandlungskunst. So wechselt er beinahe unmerklich die Rollen, mimt sächselnd einen armen Irren, der zwischen Atomwerken lebt und sich am günstigen Strom erfreut, um im nächsten Augenblick als Rentner salvenartig Fehldiagnosen auszustoßen. Höhepunkt des Abends ist die Figur eines Nekrophilen, der sich in einem Liebeslied verzehrt: „Lass mich mit deinen Würfelbeinen spielen!“

Gesundheitspolitisch bleibt der Abend allerdings vage: Es fehlt das Zwacken beim Einstich der Spritze. Dabei schreit Michael Ranz´ komisches Talent nach einer größeren Herausforderung. Das Publikum ist trotzdem begeistert und fordert drei Zugaben. Kirsten Wächter

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