Kultur : KURZ & KRITISCH

Julia Hellmich

BUCHKUNST

Einfach mal

etwas Schönes schnipseln

Zerschneiden, Überkleben, Bemalen, Zerreißen, Bedrucken. Aus Thomas-Mann-Romanen werden unleserliche Bilderalben, aus Stadtplänen Schnipsel, und Lexikoneinträge gehen mit Jules Verne auf Weltreise. Frank Heidtmann, pensionierter Bibliothekswissenschaftler, scheint seine Profession künstlerisch konterkarieren zu wollen. Statt zu bewahren, zu erschließen und zu ordnen, nähert er sich bedrucktem Material nach Art der Dadaisten: Tradiertes umstürzen, spielerisch arbeiten, Freiräume schaffen. Ausrisse aus Wörter-, Gesang- und Fachbüchern klebt er zu Collagen zusammen. Postkarten, Formulare und Theaterprogramme übermalt und bedruckt er bis zur Unkenntlichkeit. Aus zerschnittenen Büchern kreiert er aufgefächerte, filigrane Skulpturen.

Bücher können auch ohne Texte und Bilder spannend, überraschend und schön sein, als reine Kunstobjekte - das beweisen seine Werke, die derzeit in der Ausstellung „Buchkünste“ im Universitätsbibliotheks-Foyer der Freien Universität zu sehen sind (Garystr. 39, Dahlem, bis 31. August, Mo-Fr 9-20 Uhr). Als Kritik an der bibliothekarischen Profession will Heidtmann seine Kunst durchaus nicht verstanden wissen. Sein Material erbeutet er, wo er es nur bekommen kann. Hauptjagdgebiet: Flohmärkte, auf denen er an Büchern einfach nicht vorbeigehen kann.

ARCHITEKTUR

Einfach mal

etwas Nützliches bauen

Am Anfang stand eine der typischen Berliner Baulücken. Was folgte, waren drei Jahre, in denen der Architekt Alexis Angelis einen Entwurf für ein Wohnhaus lieferte und sich auf die Suche nach einem Investor für „sein“ Lückenprojekt machte. Denn die Not macht auch die Architekten erfinderisch: statt auf Aufträge zu warten, nehmen sie ihre Projekte selbst in die Hand. Mit Erfolg. Demnächst soll es an der Alten Schönhauser Straße mit dem Bauen losgehen. Wie die Baulücke künftig gefüllt wird, ist bereits jetzt in der Suitcase-Galerie zu sehen (Choriner Straße 54, bis 4. August).

Angelis und Partner haben ein klar gegliedertes Wohnhaus auf L-fömigem Grundriss entworfen, das Vorderhaus und Seitenflügel umfasst. Das ergibt pro Geschoss jeweils eine lang gestreckte schmale und eine annähernd quadratische Wohnung. Insgesamt nichts Neues für Berlin. Doch in seinem unaufgeregten Charakter, der auf Überflüssiges verzichtet und lieber auf Raumhöhen von drei Metern setzt, entwickelt es eine eigene Qualität. So baut sich die Sichtbetonkonstruktion des Hauses am Straßenrand wie ein Regal auf, in das raumhohe Holzfenster eingestellt sind. Sichtbeton beherrscht auch die Außenwände der Wohnungen. deren Grundrisse Flexibilität beweisen. Und unter dem Dachgarten dieses Stadthauses bleibt Platz für die obligatorische Maisonette. Jürgen Tietz

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