Kultur : KURZ & KRITISCH

Ralf Christofori

FOTOGRAFIE

Wo der Wille zur Pracht

beerdigt wird

„Recherche – entdeckt! Bildarchive der Unsichtbarkeiten.“ Zugegeben, der Titel der 6. Internationalen Foto-Triennale in Esslingen am Neckar (Villa Merkel, bis 3. Oktober) ist etwas verunglückt. Die Schau, die sich hinter diesem freudlosen „heureka!" zeitgenössischer Spurensucher und Feldforscher verbirgt, hat indes alle Aufmerksamkeit verdient. Denn zum einen richtet sie den Blick auf ein fotografisches Selbstverständnis, das – jenseits des derzeit vorherrschenden Willens zur Pracht – in den vergangenen Jahren zur fast vergessenen Botschaft hinter den Bildern zurückgefunden hat. Zum anderen weiß der Esslinger Kurator Andreas Baur die Spielräume einer solchen künstlerischen Haltung präzise und qualitativ hochwertig einzugrenzen.

Die Ausstellung beginnt chronologisch mit zwei gleichberechtigten Elternteilen: mit dem Vater Ed Ruscha und dessen großartiger Serie der „Parking Lots" (1967) sowie mütterlicherseits mit Martha Roslers „Bringing the War Home" (1967–1972). Während Olafur Eliassons phänomenologischer Zugang an Ruscha erinnert, knüpft Richard Princes Bildverwertung unmittelbar an die Arbeit von Rosler an.

Wie sehr sich deren Selbstverständnis im Umgang mit dem eigenen Medium wiederum in einer jüngeren Generation fortsetzt, beweist Bettina Lockemanns Serie „Fringes of Utopia", die den amerikanischen Traum großformatig im Morast einer Hinterhofkloake versenkt. Peter Piller und Erik Steinbrecher wiederum sezieren ein bildgewordenes Rauschen, das nur noch durch seine eigene Belanglosigkeit auffällt, während man bei Monika Brandmeier schon ein wenig genauer hinsehen muss, um dem „formatierten Blick“ zu entgehen, dem wir – auch und gerade im Medium der Fotografie – immer schon aufzusitzen drohen. Es ist vor allem diese Form der Unsichtbarkeit, die es auf der diesjährigen Internationalen Foto-Triennale in Esslingen zu entdecken gilt.

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KLASSIK

Wo der Teufel

Geigen liebt

Eigentlich ist Igor Strawinskys Geschichte vom Soldaten ein kurzes Stück. Im Tausch für eine scheinbar wertlose Geige erhält der junge Mann ein Erklärbuch „Kapitalismus leicht gemacht“ und wird reich. Wie im Märchen üblich muss er jedoch einen hohen Preis bezahlen. Sein Leben verstreicht im Fluge, Freunde erkennen ihn nicht mehr, kurz: Er hat sich dem Teufel verschrieben.

Mit allerlei Schnickschnack versucht Regisseur Miron Hakenbeck diese simple und eigentlich kurzweilige Fabel im Ballhaus Naunynstraße aufzuhübschen (nochmals heute um 21 Uhr). Da gibt es einen polnischen Erzähler, der jedoch nur kurz seine Muttersprache spricht und dann zwecks Verfremdungseffekt auf Deutsch weitermachen muss. Eine Tänzerin mit tragischem Hang zur Bodengymnastik hängt nachlässig Hemden auf, die der Soldat wieder von der Leine holt. Auch ein lebendes Huhn wird herumgetragen. Leider weiß niemand, wozu das gut sein soll. In der spärlichen Komik ist der Titelheld Karsten Antonio Mielke nicht präzise genug, im Unpräzisen nicht charmant genug, um diese zerdehnte Version zusammenzuhalten. Schließlich dürfen auch die engagierten Musiker unter Masayuki Carvalho noch von vorne rechts nach hinten Mitte umziehen und dabei ein wenig diskutieren. Das hätten sie besser während der Proben getan, vielleicht hätten sie die überflüssigsten Flausen drittklassigen Regietheaters verhindern können. Uwe Friedrich

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