Kultur : KURZ & KRITISCH

Kirsten Wächter

KUNST

Werben

für die Sinnenfreude

Sie waren nur für kurze Zeit erhältlich, doch schon für den Wert einer günstigen Mahlzeit zu haben: farbige Drucke, auf denen vom Publikum geliebte Schauspieler in bunt gemusterten Kostümen und dramatischer Pose abgebildet waren. Pünktlich zur Premiere eines Theaterstücks lieferten die japanischen Holzschnittmeister nicht nur die Werbeplakate für die Theaterhäuser, sondern auch die kleinen Farbdrucke für den Verkauf an die Theaterbesucher: Fanartikel des 19. Jahrhunderts, Teil einer perfekt funktionierenden PR-Maschinerie.

Im Ausstellungsraum für japanische Grafik ist das Licht gedimmt. Die Farbdrucke sind empfindlich. Aus etwa 1000 Grafiken mit Motiven des Kabuki-Theaters haben die Kuratoren des Berliner Museums für Ostasiatische Kunst (Lansstr. 8 in Dahlem, bis 7. November) sechzehn Werke dem öffentlichen Blick zugänglich gemacht. Neben teilweise erstaunlich brillanten Einzelblättern von Schauspielern sind hochdramatische Diptychen zu sehen: turbulente Kampfszenen etwa, die auf das akrobatische Element des Kabuki verweisen. Dreiteilige, detailverliebte Abbildungen erlauben intime Einblicke, sowohl in die Garderoben der sich kunstvoll schminkenden Schauspieler als auch ins Parkett, wo sich das Publikum gut unterhält – miteinander, angesichts des Bühnengeschehens sowie bei Speis und Trank.

Es ist ein lebendiges Publikum, das bei Laune gehalten wird mit Sketchen, Tanz und Gesang. Und mit optischen Täuschungsmanövern. Denn das bühnentechnisch versierte Kabuki kannte schon 1758 die Drehbühne, spielte seine Kunst mit Versenkungen und komplizierten Hebevorrichtungen aus. Die Sujets aus dem klassischen Nô-Theater wurden aktualisiert und in die Vergnügungsviertel des Bürgertums verlegt. Nach Edo zum Beispiel, dem heutigen Tokio, damals Zentrum des Kabuki-Theaters. In den japanischen Farbholzschnitten, den „Bildern aus der fließenden Welt“, findet das sinnenfreudige Kabuki seinen Niederschlag.

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KLASSIK

Musizieren

für die Neugier

Unter dem Frack eine hochgeschlossene Weste, an den Füßen feste, knöchelhohe Schuhe. Fabio Biondi trotzt der schwülen Luft, die in den Französischen Dom schwappt. Der Geiger aus Palermo vermittelt so gar nicht den Eindruck eines luftigen Virtuosen, er erinnert eher an einen Wanderer, der festen Boden unter den Füßen braucht. Tatsächlich streift Biondi schon lange durch die Gefilde der Barockmusik, hat vergessene Partituren aufgespürt oder dem Blick auf Repertoiregrößen wie den „Vier Jahreszeiten“ neue Perspektiven eröffnet. Sein Vivaldi versprüht unbändigen Witz.

Um Dogmen hat sich Biondi, der 1989 sein eigenes Ensemble Europa Galante gründete, nie geschert. Auf dem Fundament der ureigenen Neugier bringt der Geiger und Dirigent ein spielerisches Musizieren auf die Bühne, seine Konzerte sind ein theatralisches Erlebnis. Mit herausfordernden Blicken, die Biondi seinen eingeschworenen Musikern zuwirft, stachelt er zu geschliffener, farbig funkelnder Artikulation an, zu überraschenden Variationen und verwegenen Imitationen. Sag es bewegender, sag es geistreicher! Auf Einladung der Brandenburgischen Sommerkonzerte hat sich Europa Galante Werken des Vivaldi-Fans Bach angenommen und haucht ihnen italienische Leichtigkeit ein. Das Violinkonzert BWV 1056 segelt mit frischem Solistenglanz hoch am Wind, im zarten, effektvoll abgebremsten Largo gleicht Biondis Klang dem melancholischen Schwellen des Oboentons. Das Cembalokonzert BWV 1054 überrascht durch kammermusikalischen Zugriff mit pulsierenden Kraftzentren. Fabio Biondi lächelt von einem musikalischen Sommergipfel herunter ins Publikum, das sich den Schweiß von der Stirn tupft. Ulrich Amling

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