Kultur : KURZ & KRITISCH

Kirsten Wächter

FOTOGRAFIE

Eine Stadt

häutet sich

Eigentlich will man hier nur den einen Blick auf Berlin. Ganz, mit einem Mal und von oben. In Scharen strömen Menschen in Richtung Aufzug, den Fernsehturm hinauf. Wenn die Besucher Berlin aus der Vogelperspektive in sich aufgesogen haben, bietet sich derzeit am Fuß des Turms ein zusätzlicher, ein anderer Blick auf die Stadt. In der Ausstellung „Analog“ (Panoramastr. 1, bis 28. August) nimmt der Fotograf Björn Albert eine zeitliche Perspektive ein. Er zeigt das Berlin der Neunzigerjahre, das noch stark geprägt ist vom Ost-West-Konflikt. Eine sommerliche Cafészene in Prenzlauer Berg, vordergründig belebt, wird umrahmt von Häusern, deren vergessene Außenhaut sich großflächig pellt. Das Vordergründige aber interessiert Björn Albert nicht, er sucht Orte, die (Alltags-)Geschichte in sich tragen: und ist damit ein Dokumentarist der Erinnerung.

Seltener studiert er die Stadtbewohner. Die Rückenansicht eines Mannes, der vor der geöffneten Motorhaube eines Trabbis sitzt, betitelt mit „Reminisce“. Albert schwelgt in Erinnerungen. Auch technisch: mit alten Veredelungsverfahren, die eine golden-rötliche Farbgebung erzeugen. „Es gibt aber auch eine andere Welt da draußen“, stellt der Fotograf fest. Und sucht andernorts weiter: in Prag und New York. Ein konzeptueller Sprung, der unerklärt kaum nachzuvollziehen ist. Schon die Berlinbilder schweben inhaltlich irgendwo, zwischen Schultheiss-Brauerei, Beelitzer Heilstätten, Plänterwald und Reichstag. Ein konzentrierteres Konzept hätte der Ausstellung gut getan. Die Touristen gucken trotzdem.

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KABARETT

Ein Gesicht

bespiegelt sich

Seltsame Visionen in der Höhle der Wühlmäuse : nackte Parteivorsitzende, betrunkene und kopulierende Abgeordnete. Sie sind die Zutaten, mit denen Dieter Hallervorden Frank Sinatras „Strangers in the Night“ aufpoliert. Im bordeauxfarbenen Smoking steht der 69-jährige Entertainer auf der Bühne und singt vom „Kanzleramt bei Nacht“.

15 Monate hat der Hausherr des Kabarett-Theaters an seinem Programm gefeilt. Nach dem Auftakt tourt der Komiker durch die Republik und kehrt im Februar zurück nach Berlin. Der Titel „Mit dem Gesicht...“ bezieht sich auf seinen alten Chanson-Gassenhauer und endet mit den Worten „...kann man sich nur verstecken“. Das Gegenteil ist Programm: Mit grauem Vollbart steht das Ehrenmitglied im Verein Deutscher Sprache sichtbar gerne auf der Bühne, um Udo Lindenberg neu zu interpretieren: Der „Sonderzug“ nimmt Kurs auf Pisa.

Hallervorden macht gehobenes Kabarett. Er kumpelt sich bei seinem Publikum an, zugleich lässt er es Distanz spüren. Keine Bemühungen zu verbergen, dass er ein fideles Künstlerleben mit Zweitwohnsitz in Frankreich führt. Doch die Zuschauer lieben ihn, denn seine Referenzsysteme funktionieren sehr gut. Finanzamt, Dschungelcamp und PC-Bedienungsanleitung – Hallervordens Zoten sprechen so manchem Menschen aus der Seele. Auch wenn sie manchmal etwas verstaubt sind. Mikko Stübner

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