Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

TANZ

Ein kleines Wunder

in der Halle

Wunderbar, was aus dieser Krise gewachsen ist: Der Start des Theaterkombinats HAU hatte Toula Limnaios heimatlos zurückgelassen, die Zukunft ihrer TanzCompagnie schien ungewiss. Jetzt finden Proben und Auftritte im eigenen Quartier, einer alten Turnhalle aus Backstein statt, schlicht Halle (Eberswalder Str. 10) getauft. Die Gruppe hat sich eine Basisförderung durch den Senat erspielt, die Chefin eine Professur an der Palucca-Hochschule erhalten. Doch das Glück lässt Toula Limnaios nicht sesshaft werden, auf die Krise antwortet sie nun mit der künstlerischen Recherche über Heimat. Spuren will aus den Biografien des neuen Ensembles schöpfen (wieder am 31.7., 1.8., 5.8–8.8., 21 Uhr). Dabei soll die multikulturelle Compagnie nicht in ein Tanzterrarium nach Bauart von Sasha Waltz‘ „insideout“ gesteckt werden. Limnaios zielt auf zarte Poesie in klaren Formen. Aufgezeichnete Interviews mit ihren Tänzern verwandeln sich in die Musik des Abends, gehen über in einen akustischen Gaze-Schleier. Die Tänzer brechen von außen in den Saal, Unterholz um ihre Körper, und können, stürzend, doch nicht Raum greifen. Auch diese Halle ist keine Stätte. Toula Limnaios zeigt das mit verwirrender Distanz. Die Bewegungsenergie des Abends entweicht in den nachtblauen Himmel. Spurlos.

FILM

Ein großes Kind

in Hollywood

Viel wird über alternde Schauspielerinnen gespottet. Manchmal werden sie bedauert, das ist noch schlimmer. Dabei kommen auch Männer auf unvorteilhafte Weise in die Jahre. Besonders schrecklich müssen sich jedoch Kinder fühlen, die mit Erreichen der Pubertät aufs Altenteil geschoben werden.

In den vielversprechenden ersten Minuten von Dickie Roberts – Kinderstar (in elf Berliner Kinos) fängt Regisseur Sam Weisman treffend die tragikomische Situation solch eines Hollywood-Frührentners ein. Dann aber weiß er nicht mehr weiter. Der erwachsene Dickie (dümmlich grinsend: David Spade) will seine verlorene Kindheit nachholen und bei einer sogenannten normalen Familie das wahre Leben kennen lernen. Diesen Kontrast zu Dickies bisherigen Erfahrungen allerdings vermögen Regie und Drehbuch nicht darzustellen, weil sie selber den Klischees von der Traumfabrik verfallen. Hinzu kommen irrelevante Gags, und in Kleinstrollen tummeln sich ehemalige, alt und dick gewordene Kinder- und Teenie-Stars wie Leif Garrett, Charlene Tilton („Dallas“), Willie Aames („Die blaue Lagune 2“) und Jay North („Flipper“). Über sie hätte man einen anregenden Dokumentarfilm drehen sollen statt einer Klamotte, die ihr medienkritisches Potenzial verschenkt. Frank Noack

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