Kultur : KURZ & KRITISCH

Kirsten Wächter

FOTOGRAFIE

Blütenbilder

im Sonnenlicht

Es ist ein Spiel: mit natürlichen und künstlichen Farben, mit Nähe und Distanz. Das konkrete Endergebnis, das die Fotografin im Vorfeld zwar erahnen kann, aber nie genau kennt, bleibt eine Überraschung. Für sie selbst wie für den Betrachter, der fasziniert ist angesichts der wuchtigen, farbenprächtigen Fotografien von Sigrid Rothe. Zu sehen sind die in extremem Maßstab aufgenommenen, überdimensionalen Blumenblüten derzeit im Martin-Gropius-Bau unter dem Titel „up close – photographic painting“ (bis 13. September). Für ihre experimentellen Arbeiten arbeitet die Mode- und Porträtfotografin ausschließlich mit Sonnenlicht. Wenn es durch die Fenster ihrer Wohnung in Manhattan und auf die Blüten fällt, die Rothe in den Straßen New Yorks aufgelesen hat, filtert sie das natürliche Licht durch Farbfolien, um schließlich eine reiche, intensive Farbigkeit zu erzielen. In ihrer Brillanz sind diese Aufnahmen eine Offenbarung.

Manche der Blütenbilder bleiben gegenständlich, sind in ihren Schärfen präzise. Bei anderen verwischt die extreme Nahaufnahme die Grenze zur Definierbarkeit des Objekts. Diese Arbeiten wirken abstrakt. Besonders dann, wenn Rothe sich vom Anspruch technischer Vollkommenheit löst und sich vorwagt zur Grobkörnigkeit, bewegt sich die Künstlerin nahe an der Malerei. Das grobe Korn schenkt der Oberfläche Struktur. Es entsteht der Eindruck von Tiefe, die in einem Stadium kurz vor der Bewegung zu verweilen scheint. Pointillismus auf Fotopapier. Allein die digitalen Filter, die Rothe teilweise in jüngeren Arbeiten verwendet, scheinen überflüssig. Denn sie vereinfachen unnötigerweise. Insgesamt – ein experimentelles Spiel, das komplex ist und vielschichtig.

SKULPTUR

Apotheose

der Antikensehnsucht

Bei der Herrichtung der Berliner Museumsinsel wird in kompletten Häusern geplant. Ihre baulichen Hüllen lassen sich kaum getrennt von der Fülle fest installierter Ausstellungsstücke denken. In der Rotunde des Alten Museums umfängt Schinkels klassizistischer Säulenkranz 30 antike Skulpturen. Unter dem Schutz von Berlins nobelster Kuppel steigern sie sich gegenseitig zu einer Apotheose preußischer Antikensehnsucht. Die marmornen Bildwerke, meist römische Kopien nach griechischen Vorbildern, die wie alte Brillanten ein Diadem schmücken, wurden 1998/2000 restauriert. Der ehemalige Direktor der Berliner Antikensammlung, Wolf-Dieter Heilmeyer, dokumentiert diesen konservatorischen Kraftakt jetzt gemeinsam mit Huberta Heres und dem Restaurator Wolfgang Maßmann minutiös in dem Buch „Schinkels Pantheon“ (Wolf-Dieter Heilmeyer/Huberta Heres/Wolfgang Maßmann: Schinkels Pantheon. Die Statuen der Rotunde im Alten Museum, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2004, 130 S. 34,80 €).

Huberta Heres erklärt, wie die Antiken nach Berlin gelangten, in welchem Zustand sie sich befanden und wo sie zunächst präsentiert wurden. Etliche der Figuren hat der Bildhauer Christian Daniel Rauch bis 1832 für das Museum restauriert, was damals größere Ergänzungen einschloss. Welcher moderne Kopf passt auf welchen antiken Torso, so fragte nicht nur tout Berlin, sondern auch die römische Expertengemeinde um die Bildhauer Canova und Thorvaldsen. Ihr Bewunderer Rauch erkannte: „Ohne eines Gelehrten Beistand zur Seite ist der heutige Bildhauer nur wenig.“ Ohne dieses instruktive Buch, möchte man hinzufügen, sieht der heutige Betrachter auch nicht viel mehr. Michael Zajonz

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