Kultur : KURZ & KRITISCH

Bodo Mrozek

BEAT

Scheppernde

Bienenkörbe

Der Erfolg von Quentin Tarantinos Filmen lässt sich nicht nur im Verkauf von Kinokarten messen. „Pulp Fiction“ oder „Jackie Brown“ lösten ein Surf- und ein Blaxploitationrevival aus. So gesehen muss man auch den Anstrum auf den Roten Salon am Sonntagabend als Verlängerung der Schlange vor den Kinokassen sehen.

Die japanische Girlband mit dem prosaischen Namen 5,6,7,8 ’s die im jüngsten Tarantino-Werk „Kill Bill“ während einer spektakulären Massenschlacht auftritt, lockte selbst am Sonntagabend noch mehr Fans, als der Saal Stehplätze bietet. Draußen kam es zu Drängelorgien, drinnen schnitt man derweil die Luft in Scheiben. Als das Trio dann endlich hochhackig auf die Bühne stöckelte und eine harte Surfpunknummer vorlegte, brach in den vorderen Reihen zwar nicht wie im Film ein Massaker, doch immerhin der Pogo aus. Die Japanerinnen trugen ihre berüchtigten Bienenkorbfrisuren mit gelösten Strähnchen weniger streng als auf der Leinwand, darunter glänzten golddurchwirkte weiße Kleidchen. Hits hatten sie kaum im Reisegepäck – die bekanntesten Stücke waren „Three Cool Cats“ von den Coasters, ein rauh eingepeitschter „Harlem Shuffle“ und eine hart geknüppelte Fassung von Booker T.’s „Green Onions“. Selten hat man so damenhafte Musikerinnen derart kokett und schmutzig zugleich in Vox-Bass und Vintage-Gibson hauen hören. Es ist schon die dritte Neo-Garagen-Band aus Japan, die in diesem Sommer im Roten Salon spielte. Les Cappucinos und Goggle A hätte man einen ähnlichen Ansturm gewünscht. Aber das Publikum kam nun mal nicht für japanischen Beat, sondern für Quentin Tarantino.

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BUCHKUNST

Felsige

Lederrücken

Was haben Bücher mit der Welt zu tun? „Alles“, würde der Berliner Künstler Wolfgang Nieblich sagen, denn Bücher sind nicht nur die Objekte seines umfangreichen Werkes – über 6500 Arbeiten und 400 Ausstellungen – sondern auch sein Kultursymbol an sich, in schlichtweg jedem Kontext einsetzbar.

So auch für den Kurzschluss mit einem geowissenschaftlich aufgefassten Weltbegriff, um den es in seinem Projekt „News Of The World“ geht, derzeit ausgestellt in der Gesellschaft für Erdkunde (Arno-Holz-Str. 14, bis 29. Oktober, Mo-Fr 9-15 Uhr). Wobei „News“ für North, East, West und South stehen soll. Nieblich hat Buchdarstellungen und Bücherteile, etwa Stücke aus Umschlägen und Buchrücken, Text-Abschriften, Papier, Leder und Stoff, mit historischem und modernem Kartenmaterial, mit Planetenskulpturen, Landschaftsmalereien und Weltraumdarstellungen verknüpft. Kunsthandwerklich ausgefeilte Collagen, Assemblagen und Installationen sind entstanden, die farbenreich und auch von dekorativer Qualität sind. Als Versinnbildlichung von „Welt“ dominieren geologische und topografische Karten.

Der Künstler versteht sie als ein Korsett, das der Mensch dem Globus angelegt hat, um ihn zu erschließen und zu beschreiben. Die Arbeiten geben Impulse für die postulierten neuen geologischen Betrachtungen. Etwa das Gemälde einer postzivilisatorisch anmutenden Eiszeitlandschaft, in das er ledrige Buchrücken einmontiert hat. Oder die Collage, für die er sandigen Belag auf einen mit einer Landkarte beklebten Holzträger geschichtet hat – feine Kartenlinien schimmern durch das verwüstet wirkende Bodenbild hindurch. Julia Hellmich

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FOTOGRAFIE

Schlafende

Dinosaurier

Wann schläft das Riesenrad? Na im Winter. Wenn keiner kommt, um in seinen Gondeln hoch über den Treptower Park zu schaukeln. Auf dem Riesenrad-Foto von Ute Langkafel , deren Ausstellung gerade in der kleinen Galerie My.Photo im Dachgeschoss des Kreuzbergmuseums zu sehen ist (Adalbertstr. 95), beäugt allerdings ein bedächtiges, braunrotes Mammut das schneebedeckte Gerät. Und das ist keine Fotomontage – auf dem ehemaligen Lieblingsfreizeitareal der Ostberliner und jetzt vor allem durch seinen skandalumwitterten ruinösen Besitzer bekannten Spreepark gibt es ausgestorbene Tiere. Die Berlinerin hat die riesigen, schmuddeligen Dinosaurier-Figuren, den halb eingegrabenen Elefanten, das umgekippte Dino-Baby im Winterschlaf fotografiert. Sie hat eine traum-alptraumartige Abbruchstimmung eingefangen, von Ruhe, Rost und Zerfall, wo sonst gekrischen, gestaunt und Karussell gefahren wird. Wie in einem dunklen Märchen begleitet sie die Dinosaurier und andere, unbenutzte Plaste-Tiere durch das Gelände, hat die am Ufer der Spree lagernden, verrosteten Boote, abgeblätterte Sonnenmilch-Werbeplakate, mit Schlamm bedeckte Wildwasserseen und heruntergelassene Jalousien abgelichtet, und so vor dem Vergessen bewahrt – bald wird der marode Vergnügungspark zu den Nachwende-Pleiten zählen. Jenni Zylka

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