Kultur : KURZ & KRITISCH

Roman Rhode

SHOW

Der Mann mit den

tausend Stimmen

Auf seine Unterarme hat er sich „F-Löcher“ tätowieren lassen, also jene schlanken Schallöffnungen, die auf dem Korpus aller Streichinstrumente zu finden sind: Edson Cordeiro – das ist der Klangkörper schlechthin. Längst wird der brasilianische Sänger, dessen Tonumfang erstaunliche vier Oktaven umfasst, als Stimmwunder gefeiert. Doch wenn Edson Cordeiro zu seinen vokalen Höhenflügen zwischen Oper und Populärmusik ansetzt, bringt er auch schauspielerisches Talent mit ein. Der kleine, zierliche Mann im dunklen Anzug verwandelt sich kraft seiner Stimme in eine füllige Ariensängerin, gibt George Bizets „Carmen“ im scheinbar makellosen Sopran und stampft dazu ein paar männliche Flamenco-Schritte auf die Bretter.

Cordeiro, konzentriert und ergriffen, verkörpert das Prinzip einer virilen Diva. Wie ein Chamäleon wechselt er blitzschnell die Klangfarbe, gerät während eines Gospels in spirituelle Entzückung und landet mit flinker Zunge und neckisch rollenden Augen unversehens bei Janis Joplin. „Ich bin zwar nicht mehr fromm“, witzelt er zum Himmel, „aber ER hört mir immer noch zu.“ Auch das irdische Publikum in der Bar jeder Vernunft ist hingerissen. Dabei wirkt der Performer manchmal wie ein südamerikanischer Wiedergänger von Klaus Nomi, allerdings ohne dessen statische Theatralik.

Und mehr als in der Rockmusik fühlt sich Edson Cordeiro im brasilianischen Liedgut heimisch. Begleitet von Tuco Macondes an der Gitarre, interpretiert er Kompositionen von Jobim, Vinícius de Moraes, und man fragt sich, ob Cordeiro nun die Stimme von Elis Regina oder Gal Costa imitiert. Doch das Original ist der Vokalkünstler selbst: Ironisch, treffsicher, virtuos bringt er die Stimmbänder zum Vibrieren und inszeniert seine Androgynie in Klang und Körper zugleich (noch bis 18. August, Di-Do 20.30 Uhr, Fr-So 20 Uhr).

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