Kultur : KURZ & KRITISCH

Jürgen Stark

JAZZ

Filmmusik ohne Film,

Jazz ohne Grenzen

Die Hitze ist erdrückend. Der Schweiß rinnt allerorts im gut gefüllten Dock 11 in der Kastanienallee, als die Berliner Musikerin Ulrike Haage ihre erste Solo-CD „Sélavy“ (Edel Records) präsentiert. Bekanntheit erlangte die knapp 40-Jährige während ihrer zwanzig Jahre umspannenden Karriere durch die erste deutsche Frauen-Bigband „Reichlich Weiblich“, die Mitwirkung bei der Pop-Band „Rainbirds“, und nicht zuletzt im vergangenen Jahr durch die Verleihung des Deutschen Jazzpreises durch die Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ).

Schon zu Beginn tänzelt Haage – und sie sollte dies noch öfters tun – um ihren Flügel, aufgepeitscht im Stile eines Boxers, der die musikalische Herausforderung versteht. Für die Soundtüftlerin ist Jazz nicht Purismus, beschränkt sich das Instrument nicht auf Schwarz-Weiß-Interpretationen. Auch körperlich dringt sie in das Instrument ein, wenn sie nach vorn gebeugt die Saiten des Flügels mit den Fingern zupft, schlägt und streichelt, dessen Körperteile perkussiv bearbeitet oder eine Spieluhr als surrenden Effekt über die Saiten gleiten lässt. Gefühl siegt hier zumeist über den Verstand. Die Harmonien sind gut gesetzt, gehen jedoch zuweilen zu sehr ins vorhersehbar Poppige. Stärke entfaltet die Performance immer wieder durch die gut gelegten, elektronischen Beats und Sounds ihres zuverlässigen Partners – dem Laptop. Der Kontrast von minutiös berechenbarer Elektronik und improvisatorischer Spontaneität und Sinnlichkeit entführt den Zuhörer in die sich stets wandelnde Gedankenwelt der Künstlerin. Virtuosität zeigt sich an diesem Abend nicht durch die jazz-typische Fingerfertigkeit, sondern durch einfühlsame Umsetzung ihrer persönlichen Geschichte. Reflexion durch Musik. Filmmusik ohne Film. Ihre Passion für die Fremde kann Haage im September weiter ausleben. Auf Einladung des Goethe-Instituts wird sie zehn Tage durch Russland touren.

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KLASSIK

Lärmendes Opfer,

gepriesene Jugend

Mäßigung ist nicht Gerd Albrechts Sache: „Unsere Jugend ist die beste!“ ruft der Dirigent, der in diesem Jahr als Pate für das Konzert des Bundesjugendorchesters firmiert. Das mag ja sein, klingt im Rahmen eines internationalen Festivals wie young.euro.classic aber erstens ziemlich taktlos und setzt zweitens die Musiker im randvollen Berliner Konzerthaus unter Beweisdruck. Zumal sie sich mit Strawinskys „Sacre du Printemps“ auch noch ein Stück ausgesucht haben, das eigentlich über den Bewältigungshorizont eines Jugendorchesters hinausgeht. Denn das „Frühlingsopfer“ braucht in jedem Takt professionelles Feingefühl: Damit die eruptive Gewalt nicht zur Krachorgie wird und der elastische Puls des Balletts fühlbar wird. Damit das komplexe Stimmgefüge zum vibrierenden Nervensystem wird. Doch mit allem, was über sauberes Spiel hinausgeht, sind die jungen Musiker überfordert. Die magisch kreisenden Pizzicati der Streicher etwa im zweiten Teil fallen plump zu Boden, die Holzbläser gehen allzu oft auf akustische Tauchstation. Allerdings wäre es auch Sache des Dirigenten gewesen, für einen Ausdruckswillen zu sorgen. Doch der Japaner Eiji Oue , Chef des Rundfunkorchesters Hannover und immerhin als Dirigent des neuen Bayreuther „Tristan“ im nächsten Jahr vorgesehen, tut kaum etwas anderes als die Musiker zu begrenzt organisierter Lärmentfaltung zu ermuntern. Vielleicht ist „unsere Jugend“ nicht die beste. Aber sicher die lauteste. Jörg Königsdorf

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