Kultur : KURZ & KRITISCH

Joscha Schaback

KLASSIK

Wenn der Wind weht

im Süden

Sommer, Sonne, Sinfoniekonzert. Mit dem Konzert des spanischen Joven Orquesta Sinfónica del Principado Asturias bei Young Euro Classic im Konzerthaus verlängert sich der Tag des seesüchtigen Berliners oder des sehsüchtigen Touristen auf sommerliche Weise. Hans Werner Henzes uraufgeführtes (!) „Triplo Concerto Barocco“ geht wie ein duftiger, lustiger Augustwind dahin. Ein flirrender Einleitungsteil mit einstimmenden Musikern mündet in ein virtuos zitiertes concerto grosso , aus dem dann anschließend die ungewöhnliche Kombination der Soloinstrumente Klavier, Cembalo und Orgel hervortritt.

Auch Schostakowitschs Erste Sinfonie kommt unbeschwert daher, ja „entkleidet“ von Tiefgründigkeit, die von vielen Interpreten hineingelesen wird. Mit der Uraufführung „Elegía“, die José García Román „In Erinnerung an die Opfer des Madrider Terroranschlags“ schrieb, war ein Kälteeinbruch zu befürchten. Aber nein: Zwischen den seltsam reinen Klängen des Auftragswerkes weht keine Grabesluft, sondern eher der kühle Hauch des Nachdenkens darüber, wie man nach dem Anschlag weitermachen soll – mit dem Leben, mit dem Komponieren.

Gedrosseltes, erst im Finale voll entfachtes Feuer dagegen in der zweiten Suite aus Manuel de Fallas „Dreispitz“, die den Abend beschließt. Arturo Tamayo dirigiert das gut eingestellte Studentenorchester nicht nach dem Klischee von spanischer Leidenschaft, sondern stets klar, fast objektiv. Kein Konzert der tiefen inneren Verstörung, sondern der Leichtigkeit, des Leicht-Sinns. Sabine Christiansen, locker anmoderierende Konzertpatin, kann zufrieden sein mit einem schönen Sommerabend.

* * *

KUNST I

Wenn das Wasser fließt

durchs Gebirge

Zwei Männer, eine Angelrute: offenbar warten die schemenhaften Gesellen darauf, dass der erste Fisch anbeißt. Sie stehen auf einer gelben Holzbrücke. Das Ausstellungsplakat passt gut für eine Ausstellung zu Ehren von Karl Schmidt-Rottluff (1884 - 1976). Das Brücke-Museum feiert den 120. Geburtstag eines großen Expressionisten, der angeblich das „Brücke“-Label ersann (Bussardsteig 9, bis 17. Oktober, Mi–Mo 11–17 Uhr, Katalog 23 Euro). Unter der Brücke, unter den Anglern rauscht ein Fluss. Wolkiges Tiefblau, nass-in-nass gemalt. Die Schau beschränkt sich, zeigt nur Schmidt-Rottluffs Aquarelle. Sein Wasserfarben- Rausch des Jahres 1909 ist mit vibrierenden Landschaften gut dokumentiert. Deren glühende Koloristik weicht in den späten Zwanzigerjahren einer visionären Düsternis, zum Beispiel mit Gebirgs- Nachtstücken aus dem Tessin. In einigen Landschaften der frühen Dreißigerjahre andererseits, glücklich-unbeschwerten Wasserfarbenspielen, tanzen die Linien wie auf holländischer Kachelmalerei, auch wird der Einfluss Vincent van Goghs spürbar.

Dass Schmidt-Rottluff ein Aquarell-Könner war, wird in einigen Stilleben, wenigen Porträts und vielen Landschaften der Ausstellung mehr als deutlich. Doch insgesamt – das mag auch an der Reihung immergleicher Formate liegen – erinnert die streng chronologische Hängung der 132 Arbeiten zu sehr an einen langen, ruhigen Fluss. Den hätten Schmidt-Rottluffs kantig-expressivere Ölbilder und Holzschnitte wohltuend stauen können. Der Gesamteindruck bleibt, wenn nicht verwässert, so doch verhalten – und wird einem der eruptivsten Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts nicht gerecht. Jens Hinrichsen

* * *

KUNST II

Wenn eine Fremde klopft

an meine Tür

In einem Zimmer sitzen eine junge Frau und ein Mann auf dem orangefarbenen Boden, beide im Schneidersitz. Die Frau lehnt an einem weißen Sofa, er stützt sich mit den Ellbogen auf der Sitzfläche eines weinroten Sessels ab. Seinen erwartungsvollen, beinah fordernden Blick ignoriert sie mit einem in sich gekehrten, fast trotzigen Gesichtsausdruck. Eine sich dem Ende zuneigende Beziehungsgeschichte, folgert der oberflächliche Betrachter. Im Hintergrund, undeutlich zu sehen, liegt im Bett ein nacktes Mädchen. Doch ihre Präsenz löst keinerlei Reaktion bei den beiden anderen aus. So, als sei das Mädchen gar nicht vorhanden.

Die Malerin Veronika von Otten spielt in ihrem farbintensiven Zyklus „nature morte“, der noch bis zum 28. August in der Galerie momentum in Berlin-Halensee zu sehen ist, mit der eigentümlich beziehungslosen Stimmung, die zwischen den drei sich räumlich so nahen Protagonisten ihrer Bilder herrscht. Generiert hat Veronika von Otten die uneindeutige Atmosphäre, indem sie zwei ihr und einander fremde Menschen auf der Straße ansprach und sie bat, Modell zu stehen. Um erstarrte Posen zu vermeiden, beschränkte sich die Malerin zunächst aufs Fotografieren. Die auf den Fotos festgehaltene Unsicherheit der Personen, ihre Hemmungen, aber auch das Desinteresse übertrug sie schließlich in großformatige Ölbilder. Ursprünglich wollte sie das Wenige abbilden, sagt Veronika von Otten über ihr Konzept. Doch dann veränderte ein Zufall ihr Vorhaben: ein junges Aktmodell irrte sich in der Ateliertür. Das Mädchen wurde zur koketten Venus, deren Präsenz frappierend ist, die aber dennoch unbeachtet bleibt. Ein Traum, eine beunruhigende Fantasie in einer scheinbar vertrauten Umgebung. Kirsten Wächter

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben