Kultur : KURZ & KRITISCH

Bernhard Schulz

ARCHITEKTUR

Elf Treppen

musst du gehen

Kein rundes Datum: Doch am heutigen Freitag jährt sich die Abriegelung Ost-Berlins mit dem Beginn des Mauerbaus zum 43. Mal. Die vor sechs Jahren fertiggestellte Mauergedenkstätte in der 1961 zu trauriger Berühmtheit gelangten Bernauer Straße allerdings leidet an einem konzeptionellen Widerspruch: Einerseits will sie ein Stückchen der historischen Grenzbefestigung darstellen, andererseits macht sie eben dadurch den Blick auf den Aufbau des Todesstreifens unmöglich. Man kann ihn nur von oben erfassen. So entstand die Idee eines Aussichtsturms am auf der anderen Straßenseite liegenden „Dokumentationszentrum Berliner Mauer“. Jetzt zeigt die Galerie Aedes East in ihrem Pavillon in den Hackeschen Höfen eine Ausstellung zum Turm-Entwurf des jungen Berliner Büros Zerr Hapke Nieländer (Rosenthaler Str. 40/41, bis 26. August, Katalog 10€).

Elf Treppenabsätze gilt es in dem mit Drahtgeflecht verkleideten stählernen Turm zu erklimmen, bevor der Besucher von einer auskragenden, überdachten Plattform den besten, die Mauer-Perfidie schlagartig verständlich machenden Blick erlangt. Bei Dunkelheit mit kaltem Neon erleuchtet und auch darin der Grenzbefestigung ähnlich, lässt der Turm zugleich die konstruktivistische Architektur des frühen 20. Jahrhunderts anklingen – ein versteckter Hinweis darauf, welche fatale Entwicklung die kalt-sachliche Moderne auch nehmen konnte. Zugleich haben Zerr Hapke Nieländer das Dokumentationszentrum neu gestaltet, in dem heute zwei Ausstellungen zum Generalthema der Berliner Mauer eröffnet werden (Bernauer Str. 111, Mi-So 10-17 Uhr, Eintritt frei).

* * *

LITERATUR

Aus tausend Büchern

darfst du rezitieren

In der spanischsprachigen Welt geht ein Leiden um. Juan Carlos Onetti nennt es „Literatose“. Manuel Vázquez Montalbán beschreibt die Betroffenen als literaturwund. Der Erzähler in Enrique Vila-Matas neuem Buch spricht schlicht von der „Literatur-Krankheit". In Risiken & Nebenwirkungen (übersetzt von Petra Strien, Nagel & Kimche, München/Wien 2004, 349 S., 21,50 €) erzählt ein fiktiver Schriftsteller aus seinem Leben, das ganz und gar aus Literatur besteht. So ist auch „Risiken & Nebenwirkungen“ ein Buch aus Büchern. Jedes Ereignis, ja jedes Wetterphänomen erinnert den Schriftsteller an Episoden aus dem Leben anderer Schriftsteller und ihrer Werke. Er ist ein wandelndes Zitatenlexikon und führt ein Leben „literarischen Parasitentums“. Im Laufe des Romans muss er gestehen, dass er zum Parasiten seiner selbst geworden ist und sich zunehmend dessen bedient, was er einige Seiten zuvor geschrieben hat. Auf nichts ist mehr Verlass, alles wird Fiktion. Tobias Lehmkuhl

* * *

KLANGINSTALLATION

Auf zwei Ebenen

sollst du hören

Die Singuhr-Hörgalerie in der Parochialkirche ist gegenwärtig nicht nur aus klimatischen Gründen zu empfehlen. Außer kühler Luft findet sich hier die Atlantic Wave Terminals -Installation von Robert Henke (bis 12. September, Do-So, 14-20 Uhr, Infos: www.singuhr.de). Auf zwei Ebenen des Kirchenturms hat der Künstler eine Reihe kleiner Lautsprecher verteilt. Das ändert sich, wenn jemand am Monitor die Taster bedient, um eine Reihe von Leuchtdioden zu manipulieren. Was zunächst aussieht wie „Schiffe versenken“, erweist sich als vielseitige Apparatur zur Erzeugung von Klangmustern, jeweils von zwei Personen in den getrennten Räumen gesteuert. Henke empfiehlt subtile Rhythmusfolgen, so lässt sich die Interaktion mit dem Mitspieler am besten genießen. Die Singuhr-Hörgalerie hat bald noch mehr zu bieten: Ab 19. August sind Klänge aus der Geschichte der elektronischen Musik in der „Soirée électronique“ zu hören, und zu später Stunde kollaborieren in der „suite nuit“ zahlreiche Musiker, Klang- und Videokünstler. Ulrich Pollmann

* * *

KLASSIK

Aus vielen Ländern

müsst ihr kommen

Gegensätze ziehen sich an. Das ist die Devise der ersten Special Night von Young Euro Classic . Im Kleinen Saal des Konzerthauses trifft Nordost auf Südwest: Mitglieder des lettischen Symphonieorchesters der J. Vitols Musikakademie und des spanischen Joven Orquesta Sinfónica del Principado de Asturias gestalten jeweils eine Hälfte des kammermusikalischen Abends. Das Programm spannt den Bogen von der Frühklassik bis in unsere Tage, springt von Russland über Mitteleuropa nach Amerika und wieder zurück. Eine kleine Entdeckung: die delikate Suite für zwei Flöten des Ungarn Endre Szervánsky – sowie „Lift-off“ und ein Fetzer für drei Schlagzeuger des Amerikaners Russel Peck. Freilich stehen sich auch unterschiedliche Leistungsniveaus der Musiker gegenüber – überstrahlt von Dmitri Schostakowitschs „Adagio – Allegretto für Streichorchester“. Ungeheuerlich wie zart und klangfarblich variabel die Streichquartettbearbeitung dem selbst Geige spielenden Dirigenten Yuri Nasushkin gelingt. Joscha Schaback

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben