Kultur : KURZ & KRITISCH

Roman Rhode

REVUE

Lass die steifen

Hüften kreisen

Kuba, wir wissen es längst, ist Musik. Und diese ungebremste Lebensfreude, die der blasse Mitteleuropäer sofort im Hüftschwung kubanischer Mulattinnen erkennt. Das hat auch Toby Gough, der schottische Autor und Regisseur von Lady Salsa , begriffen. In seiner Show lässt er so gut wie jedes Tropenklischee Revue passieren. Mit 18 Tänzern und Tänzerinnen sowie einer zwölfköpfigen Band „direkt aus Kuba“ geht es im Schiller-Theater (noch bis 5. September) in einer didaktischen Tour de force durch die kubanische Musikgeschichte. Und die Figur der Lady Salsa – eine kaffeebraune Matrone mit Zigarre im Mundwinkel – gibt die ergriffene Zeitzeugin. Vor der Revolution nur eine Putzfrau im Tropicana-Cabaret, wird aus ihr zwischen Cha-Cha-Cha und Che Guevara schließlich eine Sängerin. Zu dieser Story zeigt das im kubanischen Fernsehballett getrimmte junge Tanzensemble viel nackte Haut im karibischen Go-go-Style. „Lady Salsa“ entlädt sich als ein choreografisch überfrachtetes Feuerwerk, das in Anlehnung ans legendäre Tropicana die Sehnsüchte solventer Touristen bedient. Gefällig, simpel, ohne komödiantischen Biss. Immerhin lässt auch das lauthals begeisterte Publikum die eingerosteten Hüften kreisen. Willkommen im All-inclusive-Klischee-Resort!

* * *

POP

Steck das Handy

ganz weit weg

Schon die Schlange am Marheinekeplatz offenbart: Die Kings Of Convenience werden überwiegend von jungen Frauen geliebt. In der ausverkauften Passionskirche ist es dicht und heiß. Bei den Jungs aus Norwegen brechen die Mädchen im Publikum ihre SMS ab, mittendrin, stecken die Handys ein. Denn da ist dieser warme, weiche Sound, den sie so lieben: folkig, romantisch, lagerfeurig. Glitzernd plätschernde Akustikgitarren. Makellos harmonierende Stimmen, in Arrangements und Timbre immer dicht dran an Simon & Garfunkel. Der dürre, lange Erlend Oye mit rot lodernden Haaren und großer Brille hat seine Gitarre so hoch gehängt, dass der Bauchnabel freiliegt unterm knappen froschgrünen T-Shirt. Nach ihrem ersten Berlin-Konzert vor drei Jahren habe er jemanden kennen gelernt, sagt er, und seitdem wohne er hier. Das neue Album Riot Is An Empty Street haben sie allerdings in Norwegen aufgenommen, wo Eirik Glambek Boe lebt. Er sieht etwas verstruppter aus im knittrigen bunten Karohemd. Sie singen noch um einiges besser als zu Zeiten, als sie mit dem Titel ihres ersten Albums die Parole „Quiet Is The New Loud“ ausgaben. Ruhig und sanft sind ihre Songs immer noch, aber auch reifer, abwechslungsreicher. Zwischendurch setzt sich immer wieder mal einer der beiden an den schwarzen Flügel, tinkelt ein paar neue Farbtupfer in den Klang. Cocktailbarjazz. Bossa Nova zu hauchigem Gesang. Sympathisch. H.P.Daniels

* * *

KLASSIK

Schreib nur bei

den Meistern ab

Unfreiwillige Komik: Post scriptum nennt der 36-jährige Mirko Krajei seine Uraufführung, mit der das Jugendorchester der Slowakischen Musikgesellschaft das 7. Konzert von young euro classic beginnt. Denn das Stück wirkt tatsächlich nachgeschrieben, als hätte – sagen wir – Edward Elgar vor 100 Jahren eine schöne Sommermusik geschrieben. Nur etwas statischer und meditativer ist das Ganze, bestens geeignet als Filmmusik. Immerhin bietet das Stück dem Orchester erste Gelegenheit, seine klanglichen Qualitäten zu entwickeln. Homogener, nie dicker Streicherklang, warme, nie dominierende Bläser gesellen sich dann in Maurice Ravels Bravourstück Tzigane zu delikaten Klangeffekten und präziser, aber biegsamer Rhythmik. Ein Hauch von nonchalantem Habsburgerglanz legt sich auch auf Prokofjews Sinfonie Classique.

Und noch eine Uraufführung: Auch Peter Machajdik pflegt mit dem Titel „Das Vergessene wiedergefunden“ die unfreiwillige Selbstironie. Wieder ein Tipp für Filmproduzenten mit Faible für akustische Emotionalklischees. Das Programmheft rühmt den Komponisten als von westlicher Avantgarde geprägt, in kommunistischen Zeiten soll er sich das kompositorische Handwerk durch Briefwechsel mit Cage, Stockhausen und Ligeti angeeignet haben. Vielleicht hat er ihnen auch nur eine Postkarte geschickt? Der Etikettenschwindel, den dieses Festival mit der zeitgenössischen Musik treibt, macht sprachlos. Ulrich Pollmann

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben