Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

FLAMECO

Das blaue Blut

des Heißsporns

Berlin eine Stadt der Aficionados? Immerhin hat die Hauptstadt ein eigenes Flamenco-Festival . Im Sommergarten des Pfefferbergs trifft sich (bis 21. August) die internationale Crème der musikalischen und tänzerischen Heißblüter – und die kommen nicht nur aus Jerez, Sevilla oder Madrid, sondern auch aus Warschau wie die Gruppe Los Payos. Die stellt zum Auftakt des Festivals klar, dass auch außerhalb des Mutterlands die Flamenco-Passionen lodern. Das achtköpfige Musikerensemble unter der Leitung des Gitarristen Arturo Muszynski begeisterte mit ungewöhlichen Arrangements, spanische Themen wurden auch schon mal jazzig-kühl dargeboten. Das Erdig-Feurige verkörperte auf unnachahmliche Weise der Gaststar aus Paris: der Sänger El Mencho ist ein Sproß der berühmten Zigeunerfamilie der Montoyas. Abstammung und Geblüt gelten immer noch viel in diesem Genre. Sein unverwechselbar rau-kehliger Gesang streift durch emotionale Landschaften aus Freude und Schmerz und findet doch auch zu überraschenden Nuancen. Die Tänzerin Marta Robles fackelt dann nicht lange: ihre Fußarbeit durchmisst alle Grade auf der tänzerischen Erdbeben- Skala. Sie steigert sich in eine wahre Ausdruckswut hinein. Derart angespornt, legte auch El Mencho noch eine spontane Zugabe hin. Ließ seinen Pferdeschwanz kreisen, hüpfte wie ein übermütiges Fohlen – Demonstration seines unbezähmbaren Temperaments. * * *

YOUNG EURO CLASSIC

Das lange Rennen

gegen den Verkehrslärm

Da sind dem Bruckner Anton doch glatt die Skizzen für den Orchestersatz eines seiner „Adagios“ durcheinander geweht worden – so der Eindruck, den auch eine im langsamen Satz von Tobias Schneids Komposition „Run“ kurz aufschnarrende Trompete kaum zu widerlegen vermag. „Run“ versteht sich laut Programmheft als eine „Persiflage zeitgeistiger Ruhelosigkeit“. Die Persiflage hat sich indes gut versteckt: Mit dem dahinjagenden Young Janácek Philharmonic Orchestra und der Imitation von allerlei Verkehrs- und Fabrikgeräuschen ist das Werk nicht mehr als reine Programmusik.

Anders Hans Werner Henze. Obwohl der in seiner ersten Sinfonie bereits zu einer eigenen, unverwechselbaren Musiksprache gefunden hat, scheint doch in der Orchesterbehandlung des zweiten Satzes so etwas wie Hindemith herauszuklingen, den Henze einst ja nun so gar nicht mochte! Finden wir hier die Persiflage, die wir bei Schneid vermissten?

Francois Poulencs halbszenisch aufgeführtes Musikdrama „La voix humaine“ auf einen Text von Jean Cocteau erzählt in bedrückender Weise vom telefonischen Ende einer Liebe und lässt dabei keine jener Banalitäten aus, mit der solche persönlichen Katastrophen einherzugehen pflegen. Die französische Sopranistin Anne-Sophie Schmidt überzeugte in den Sprechgesängen ebenso wie in den hochdramatischen Halbarien dieser stimmzehrenden Partie. Neben ihr erwarb sich das fehlerfrei agierende Orchester hochverdienten Applaus. Friedemann Kluge

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