Kultur : KURZ & KRITISCH

Bernhard Schulz

KUNST

Raubgeschichte auf

40 mal 61 Zentimeter

Keine andere deutsche Stadt ist von den napoleonischen Kunst-Beutezügen so stark in Mitleidenschaft gezogen worden wie Kassel. Als Sitz des kurzlebigen „Königreichs Westphalen“ unter Napoleons Bruder Jérôme wurden die reichen Sammlungen Kassels weidlich geplündert. Von exakt 800 teils beschlagnahmten, teils privat geraubten und verkauften Werken der kurfürstlichen Gemäldegalerie kamen 418 zurück – 382 blieben, mit einer einzigen Ausnahme durch Rückerwerbung 1962, verloren.

Vor zwei Jahren allerdings gelang der Rückkauf eines hoch bedeutenden Beutestücks: des Gemäldes „Pan und Syrinx“ von Peter Paul Rubens und Jan Brueghel d.Ä. , eines von 200 Werken im Gepäck des 1813 aus Kassel geflohenen Kurzzeitkönigs. Museumsdirektor Michael Eissenhauer nennt den Ankauf „die für die Gemäldegalerie Alte Meister bedeutendste Erwerbung seit Ende des 19. Jahrhunderts“. Der bewegten Geschichte der nur 40 mal 61 Zentimeter kleinen Eichenholztafel haben die Staatlichen Museen Kassel eine Ausstellung gewidmet, die derzeit noch im Frankfurter Staedel zu sehen ist (bis 22. August). Der begleitende, umfangreiche Katalog erscheint zugleich als Band der Reihe „Patrimonia“, in der die Kulturstiftung der Länder die mit ihrer Hilfe getätigten Erwerbungen dokumentiert. Nachdem die in Berlin lehrende französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy 2003 den napoleonischen Kunstraub erstmals umfassend dargestellt hat, dokumentiert der Kasseler Katalog anschaulich einen einzelnen Verlust – und bereichert so die Kenntnis jener ungeheuren, vom Ehrgeiz des Louvre-Gründers Vivant Denon angestachelten Raubaktion, die am Beginn steht des modernen Verständnisses von nationalem Kulturerbe.

* * *

KLASSIK

Es wird eng,

und einer hat genug

Unter ihrem diesjährigen Motto „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ sind die Brandenburgischen Sommerkonzerte in das Spreewald-Städtchen Lübben gelangt und gleichsam nach Hause gekommen. Denn hier hat der bedeutendste Kirchenlieddichter des 17. Jahrhunderts seinen Lebensweg vollendet: Paul-Gerhardt-Kirche . Es herrscht Platznot, aber die Fan-Gemeinde rückt zusammen. Als Moderator gedenkt Bischof Wolfgang Huber der Härten in der Biografie des Dichters, des überzeitlichen „Besitzes“, den seine Lieder für uns darstellen. Bach-Choräle auf Gerhardt- Texte werden von dem Bariton Sebastian Bluth mit predigenden Wortmanierismen – mitunter auf Kosten der Linie – versehen. Interpretationen eines Sängers, der bestrebt ist, in die Affektwechsel der Kantate „Ich habe genug“ inständig einzutauchen und in der Vivace-Koloratur („Ich freue mich auf meinen Tod“) Ausdruck zu wagen. Bluth vergegenwärtigt zudem die Praxis des Bachschen Parodieverfahrens, indem er eine Huldigungsarie zum Geburtstag der sächsischen Kurfürstin in ihrer berühmten geistlichen Fassung wiederholt: „Großer Herr und starker König“ aus dem Weihnachtsoratorium.

Das Konzert gehört den Deutschen Kammer-Virtuosen Berlin, die in einem Trompetenkonzert von Torelli mit dem vollen Ton Joachim Pliquetts wie auch in Werken von Geminiani und Vivaldo zeigen, dass ihre Virtuosität sich auf Ensemblegeist gründet. Sybill Mahlke

THEATER

Wenn Lippen

Lesen lernen

50 leere Suppenschalen stehen, akkurat aneinandergereiht, auf einem großen Tisch. 50 bemalte Unikate, exponiert, um angesehen, angefasst, ausgewählt und gefüllt zu werden. In einem zweiten Raum der Galerie Ostpol haben zwei Japan-Liebhaber eine provisorische Küche eingerichtet. Sie hacken Schaluppen und bringen Wasser für Nudelsuppen zum Kochen. Sechs Variationen sollen kredenzt werden, Yasai Udon etwa, eine Speise mit Fischpudding: Das leicht glibberige, weiße Etwas von gebackenem Fisch ist dem Auge zuliebe an den Rändern rosa eingefärbt und erinnert geschmacklich an Krabbenchips.

Für ein Sommerfest hat sich die Galeristin Andrea Schmidt das „Take away“ mit Kunstbeilage einfallen lassen. Die von ihre vertretenen zwölf Berliner Künstler von Detlef Hagenbäumer bis Elisabeth Sonneck gestalteten die limitierte Anzahl weißer Ikeaschalen mit roter und schwarzer Acrylfarbe. Die unterschiedlichen Motive spielen mit dem Typus des Suppenschlürfers: Reine Texttassen für den Solo-Esser, für die jüngsten Suppenfans an Regenschirmen durch die Lüfte fliegende Figuren, bis hin zu einer kleinen Suppentassenreihe für Sammler. Die Galerie, die sich als nächstes mit der Serialität als Grundprinzip des Bildermachens beschäftigt (Eröffnung: 20. August, 20 Uhr), versteht sich an diesem Abend als Bühne einer lebenskulturellen Selbstdarstellung. Die Besucher finden Gefallen. Da ihnen auch die Suppen schmecken, wird daraus eher ein to stay als ein take away. Kirsten Wächter

* * *

YOUNG EURO CLASSIC

Beethoven

zur Erholung

Wagemut oder Leichtsinn? Mit Beethovens Violinkonzert hat sich das Campusorchester Lettland-Spanien einen Brocken ausgesucht, an dem schon Spitzenkräfte gescheitert sind. Dem Werk ist ein Hang zur Instabilität einkomponiert, es ist länger und verwinkelter aufgebaut, als zum Beispiel Beethovens Klavierkonzerte. Eine Interpretation gelingt meist nur durch gut aufeinander eingespielte Musiker und jenem glücklichen Augenblick, der den zahlreichen Brüchen des Stücks zauberhafte Schlüssigkeit verleiht. So viel vorweg: Das Experiment ist geglückt, was das Campus-Orchester bei young.euro.classic in wenigen Probentagen zustande gebracht hat (vgl. Tagesspiegel v. 13.8.), beeindruckt.

Schlüssel zum Erfolg dürfte die Entscheidung des lettischen Dirigenten, Andris Vecumnieks, sein, nicht nach den Sternen zu greifen. So wählt er vernünftigerweise mäßige Tempi und versucht erst gar nicht, die vielen Facetten des Werkes allesamt zum Glänzen zu bringen. Mögen sich auch die langsam pochenden Tonrepetitionen im Orchester zu Beginn etwas farblos heranschleichen, der Solistin tut die Zurückhaltung spürbar gut. So legt Darja Smirnova ihre Eingangspassage gleich wunderbar entspannt hin, blüht in den ungezählten Kantilenen, und findet ohne Hast zur großen Kadenz, deren Ende dann einen jener glücklichen Augenblicke evoziert: Mit zauberhafter Klarheit findet das Orchester in die folgenden Pizzikati, stellt sie wie Skulpturen in den Saal, dass man danach greifen möchte. Zur Erholung dann Beethovens Egmont-Ouvertüre, bietet sie doch in ihrer kraftvollen Gradlinigkeit Gelegenheit, noch mal ohne Handbremse loszulegen. Ulrich Pollmann

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben