Kultur : KURZ & KRITISCH

Katrin Kruse

THEATER

Vom Radiobastler

zum Weltkonzern

Am Anfang ist die Mattscheibe. Flach liegt sie da: die Bühne im Museum für Kommunikation (Leipziger Str. 16 , weitere Vortellungen 20.–22.8. ) als freistehendes Viereck mit flimmernder Projektion, dreißig Zuschauer darum. Dann hebt sich die Scheibe, dem Untergrund entsteigen zwei Männer. Ort: Nachkriegsjapan. Plan: Radios zu bauen, klar im Ton und klein wie eine Bento Box, das japanische Lunchpaket. Heavenly Bento , eine Produktion des Post Theaters in Koproduktion mit den Sophiensälen und der Biennale Bonn, zeichnet den Weg eines kleinen japanischen Unternehmens zum Weltkonzern nach: Sony. Regisseurin Hiroko Tanahashi inszeniert ihn als Geschichte kultureller Differenz und Angleichung. Die beiden Gründer Masaru Ibuka (Ben Wang) und Akito Morita (Jun Kim) sitzen im Schneidersitz und tragen Anzug, die westliche Uniform schlechthin. Wenig später malt der eine in Tokio imaginäre Zahlenreihen, während der andere durch das auf die Bühne projizierte Straßenkreuz New Yorks hetzt. Mit wenigen Mitteln wechselt „Heavenly Bento“ zwischen den Schauplätzen, doch dabei wird das Spiel allzu symbolisch. Am Ende aber löffeln Performer und Zuschauer gemeinsam Dessert – aus der Bento Box.

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YOUNG EURO CLASSIC

Vom Arbeitsminister

zum Sternenhimmel

Der Elefant im Logo von Young Euro Classic sagt es deutlich: Bei diesem Festival werden dicke Brocken gestemmt. Zwei Zeitgenossen und danach noch eine Großsinfonie (Bruckner, Mahler, Sibelius) müssen schon sein. Die europäischen Jugendorchester schaffen im Konzerthaus ordentlich was weg. Das beeindruckt auch Arbeitsminister Clement, den Paten des Konzerts der niederländischen NJO Summer Academy . Dabei schert dieser Abend wohltuend aus dem Festivallauf aus: Mit Thomas Adès steht nicht nur endlich ein wirklich bedeutender zeitgenössischer Komponist auf dem Programm, sondern zudem als feinsinnig inspirierender Dirigent auch vor dem Orchester. Sein Werk „Asyla“ öffnet faszinierende Klangräume, die die Musikstudenten voller Neugier betreten – und, sollten sie in eine Sackgasse geraten sein, mit kräftigen rhythmischen Fluchtbewegungen hinter sich lassen. Ein Spiel mit glühenden Grenzen. Tschaikowskys „Pathetique“ dirigiert Adès mit gebremstem Sentiment, worüber der Walzer des zweiten Satzes etwas im Atemnot gerät. Dann bricht der Marsch erbarmungslos hervor, und die Geiger singen leise ihr Lied zu Ende. Der Elefant wirft sanft einen Rüssel voll goldener Sterne in den Nachthimmel. Ulrich Amling

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POP

Vom Falsettgesang

zum Pogo auf Flip-Flops

Mit seiner Frisur und seinem Bauchansatz sieht James Murphy aus, als würde er in einer Videothek aushelfen. Seine Bewegungen sind minimal, doch der Jubel im Maria am Ostbahnhof lässt erahnen, wer hier zum RIO Spezial auf der Bühne steht: Das New Yorker LCD Soundsystem gilt als eine der besten Electro-RockBands überhaupt und gibt sein einziges Deutschlandkonzert. Das Quintett verbindet das Rohe des Punk mit der Perfektion von New Wave. In jedem Song dominiert ein anderes Instrument, doch das Rampenlicht wird demokratisch geteilt. Murphys Stimme reagiert entsprechend, klingt mal wie der Falsettgesang von The Darkness, dann wieder cool wie die Talking Heads oder Franz Ferdinand. Das Publikum – mit Kaftan, Truckermütze und Pelzmantel bewusster als die Band gestylt – tanzt Pogo auf Flip-Flops. Ohne Pause legen dann die beiden Belgier 2 Many DJ’s eines ihrer weltweit raren Bastard-Pop-Sets auf. Mit Erfolg: Auf einem Teppich aus Rock, Rap und Electro tanzen die Szene-Hipster bis zum Morgengrauen. Mikko Stübner

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