Kultur : KURZ & KRITISCH

Kerstin Wächter

KUNST

Punk und Pink

und ein bisschen Petersilie

Der Ausstellungstitel Rita Preuss – Die Dinge des Lebens suggeriert es zwar – und doch ist die Berliner Künstlerin mehr als nur eine Malerin der Dinge. Seit ihrer ersten Ausstellung 1954 ist die einstige Meisterschülerin Max Pechsteins im Berliner Kunstleben präsent. Das Stadtmuseum zeigt nun anlässlich ihres 80. Geburtstags eine Retrospektive (Museum Nikolaikirche, bis 3. Oktober). Die über 70 Gemälde zeigen Stillleben, Interieurs, Garten- und Landschaftsmotive vor allem aus Berlin und Umgebung. Neben der Malerin der Dinge, die oft mit grobem, harten Pinselstrich agiert, ist eine zweite Rita Preuss zu entdecken, die sozialikritische Beobachterin – etwa im Bild einer alten Frau, die auf einer Parkbank sitzt, oder dem Porträt einer Bettlerin mit Kind. Dabei hat Preuss auch mal den Schalk im Nacken: Eine Punkerin mit Nietengürtel, strohweißem Haar und pinkfarbener Eiscreme in der Hand, die sich ein Kleinkind vor den Bauch gebunden hat, betitelt die Künstlerin „Madonna“ (1987). Die heiteren Züge ihrer Arbeit machen auch vor der eigenen Person nicht halt: So porträtiert sie sich mit Petersilienstrauß zwischen den Lippen und mit Suppentopf auf dem Kopf. Am 28. August, anläßlich der Langen Nacht der Museen, wird sie selbst durch ihre Ausstellung führen.

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YOUNG EURO CLASSIC

Klangteppiche vom Orient

und von anderswo

In der Schule lernt man, dass E-Musik langweilig ist, U-Musik dagegen Spaß macht. Eine schlimme Steigerung von „E“ ist die zeitgenössische Musik. So jedenfalls hat es Tim Renner erfahren, Pate der special night II bei „young euro classic“. Mit dem European Music Project tritt er allerdings den Gegenbeweis zu dieser These an. Die aus verschiedenen europäischen Ländern stammenden Musiker steuerten mit einem nicht allzu gewichtigen, aber schlüssig aufgebauten Programm direkt auf den Höhepunkt des Abends zu: Terry Rileys „In C“ machte 1964 als Spiel von 53 sich überlagernden, reduzierten, ausgeweiteten und repetierten C-Dur-Figuren Furore. Der Perkussionist Jürgen Grözinger und der Informatiker Joachim Glasstetter sorgten als Team „zignorii“ mit Neu-Instrumentation und Elektronik für die farbenreiche, vitale, äußerst dichte und trotzdem transparente Neuinterpretation, die zwischen litauischer Avangarde und Techno pendelt. Eine Ikone der minimal music, die im Konzerthaus bejubelt wurde. Einen Vorgeschmack darauf gibt das Streichquartett „Lithuanian Night“ von Antheil voll subtiler Verrückungen von Salonfloskeln in unaufgelöste Dissonanzen. „Three watercolours“ der Aserbaidschanerin Frangis Al-Zadeh überführen zart orientalisierende Gesangslinien in geräuschhaften Klavierklang. Doch nicht immer gelingt der Brückenschlag zwischen ernst und unterhaltsam so bruchlos. „Entropic Polyphonies“ von Minas Borboudakis wirken in sich immer neu aus diffusen Klangteppichen erhebenden Bewegungsmustern wie eine recht beliebige Improvisation. Und wenn Jürgen Grözinger Musik von Eric Satie arrangiert und weiterkomponiert, dann wird aus dieser Urquelle aller kreativen Regelverstöße im bonbonrosa Sound der reinste Kitsch. Isabel Herzfeld

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FILM

Der Milchbube

als Serienmörder

Nach Fritz Haarmann ist Jürgen Bartsch der bekannteste deutsche Serienmörder. Beide haben kleine Jungen zu sexuellen Handlungen genötigt und sie dann umgebracht. Eine detaillierte filmische Nachstellung ihrer Taten ist undenkbar. Romuald Karmakar entschloss sich bei seinem Haarmann-Film „Der Totmacher“, von den Taten nur zu erzählen. Aus langen Monologen besteht auch Ein Leben lang kurze Hosen tragen (in Berlin im Kino Hackesche Höfe) von Kai S. Pieck, der auf Protokolle von Therapiesitzungen und Briefe des vierfachen Mörders Jürgen Bartsch zurückgreift.

Fünfzehn Jahre war Bartsch alt, als er 1962 sein erstes Opfer tötete. Zusammenhänge werden angedeutet zwischen dem Missbrauch, den Bartsch selbst erlitten hat, und seinen Taten. Aber Pieck gibt nicht vor, alles erklären zu können. Er erzeugt Distanz – durch Zeitsprünge und die Besetzung des Mörders mit zwei Darstellern, die sich nicht besonders ähneln. Doch statt Distanz wünschte man sich etwas mehr Wagemut.

Das Grauen, das der Film nicht visualisieren darf, könnte durch die Monologe vermittelt werden. Wie einst Götz George als „Totmacher“ sitzt Tobias Schenke am Tisch und erzählt Ungeheuerliches. Schenke, vor sechs Jahren Georges Sohn in „Solo für Klarinette“, hat immer noch ein Milchbubengesicht: Ein Mörder mit Unschuldsmiene beunruhigt viel mehr als eine vordergründige Bestie. Doch Schenke bleibt zu nett, zu harmlos. Und er kommt nicht gegen den vier Jahre jüngeren Sebastian Urzendowsky („Der Felsen“) an, der Bartsch als Jugendlichen verkörpert. Urzendowsky wirkt unschuldig und abgründig, schutzbedürftig und gefährlich – eine komplexe Figur, die es verdient hätte, den gesamten Film zu tragen. Frank Noack

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