Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

TANZ IM AUGUST

Rosa Slip

als Augenbinde

Nach einem beschaulichen Umweg durch einen riesigen Sandkasten unter der Buddelaufsicht von Sasha Waltz, springt die diesjährige Ausgabe des wichtigsten Berliner Tanz-Festivals kurz vor ihrem Ende wieder an den Anfang zurück. Punk ist die Attitüde. Zwischen Michael Clarks wackeligem Auftakt-Abend „Oh my Goddess“ und Régine Chopinots Choreografie „W.H.A. (Warning Hazardous Area)“ im HAU 1 spannen sich unbedingt regelwidrig benutzte Damenslips zu einem dünnen rosa Faden. Für Chopinots tänzerische Risikozone hat ihr langjähriger Ausstatter Jean-Paul Gaultier noch einmal den gemeinsamen Fundus der Achtzigerjahre durchpflügt. Und auf einen Haufen geworfen, was aus Zorn eine Mode machte. Ein Protest praller Portemonnaies. Es riecht nach Mottenkugeln. Chopinot (52) zerrt aus den Textilien hervor, was man so greifen kann, wenn die Maxime aller Bewegungen Beschleunigung heißt. Länger als 2 Minuten 33 Sekunden darf kein Outfit ungestört bleiben. Der rosa Slip muss wandern. Bei dem Tempo, das die Leiterin des Ballet Atlantique La Rochelle vorlegt, konnten nur zwei ihrer Tänzer mithalten, John Bateman und Virginie Garcia. Was bleibt, ist Verneinung auf hohem Energie- und Verletzungsniveau. Die auf Funktionieren geeichte Welt, verkörpert von praktischen Stapelstühlen, Konferenztischen und Mikrofonen, wird attackiert, verheert, mit Wasser begossen. Um das Maß an schalem Weltüberdruss voll zu machen, hätten Chopinot & Co noch gegen Pink Floyds „The Wall“ anspringen können – mit rosa Slip als Augenbinde. Von wegen Punk. Kaputtzumachen, was sie kaputtmacht – dazu fehlt den Tänzen nicht die Kraft, sondern die Richtung. „W.H.A“: Dieser Abend ging voll in die Pose.

* * *

POP

Sie sind keine Models,

aber sie sehen gut aus

Es waren vier Jungs in karierten Hosen und mit tief hängenden Gitarren, die beim letzten Grand Prix für eine Überraschung sorgten. Zwischen all den Model-Gesichtern und Schnulzen-Interpreten wirkte das ungestüme Quartett viel zu echt. „For Real“ hieß denn auch der Ska-Song, den sie wild hopsend, tobend und mit astreinem Londoner Cockney- Akzent in die Menge schleuderten. Bläsersätze befeuerten das Spektakel und schlugen bemerkenswert mühelos eine Brücke zwischen orientalischen Tongirlanden und westlichen Varieté-Nummern. Athena gewannen zwar nicht, aber nur deshalb, weil sie lupenreinen Funpunk spielten und – wie die Vorjahressiegerin – aus Istanbul stammen. Dort ist die Band um das Brüderpaar Hakan und Gökhan Özoduz längst eine Legende und berühmt für mitreißende Konzerte.

Wenn Athena jetzt ihr bereits viertes, einfallsreich arrangiertes Studioalbum „Us“ (Universal) vorlegen – darauf auch der Eurovison-Song „For Real“ –, dann geschieht das auch, um die türkischen Jungs, die in ihrer Muttersprache singen, endlich international bekannt zu machen. Obwohl die elf Ska-Stücke ein wenig hinter der ungestümen Power ihrer Live-Präsenz zurückbleiben, verraten sie doch, wie souverän sie die Regeln des Genres ins Poppige wenden. Noch immer spielen die vier Musiker in separaten Konzerten ihre liebsten Songs, New- Wave-Klassiker und Metal-Kracher. Das sind ihre Wurzeln. Und die Funkyness ihrer eigenen Kompositionen verrät, dass sie längst dort sind, wo sie hingehören – im Pop-Olymp. KM

am 28.8. beim Radio-Multikulti-Festival, am 1.10. auf der Popkomm

* * *

AUSSTELLUNG

So weit die Hände tragen,

wenn sie nichts fallen lassen

Durch ein niedriges Tor betritt der Besucher des Keramik-Museums einen gepflasterten Innenhof; der Weg führt weiter in einen kleinen Garten. Meterhohe Torbögen, die anmuten wie römische Aquädukte, umrahmen das idyllische Grün im ältesten Bürgerhaus Charlottenburgs. Diese Oase der Ruhe beherbergt seit Anfang 2004 das allein durch ehrenamtliches Engagement finanzierte Keramik- Museum. Leiter des Hauses, das eine Sammlung von 7000 Stücken betreut, ist Heinz-Joachim Theis . Die aktuelle Ausstellung Made in Berlin: Keramik nach 1945 zeigt eine Auswahl von rund 160 Werken (bis 3. Januar, Schustehrusstr. 13, Sa–Mo 13–17 Uhr). Darunter befinden sich Gefäße in klassischer Form, deren gesprüngelte Oberfläche, die Craquelee- Glasur, beim Abkühlungsprozess entsteht. Diese Werke aus den „Winterwerkstätten“ – benannt nach Hedwig Winter, der ersten Töpfermeisterin Berlins – sind Teil des breit gefächerten Spektrums, das auch abstrakte Arbeiten jüngerer Zeit umfasst. Werke von Eva Schulz Endert stehen für die Entwicklung in den östlichen Bezirken. Den um 1950 entstandenen Elefanten etwa montierte Endert so geschickt, dass sich erst bei genauerer Betrachtung der Herstellungsprozess offenbart: Die Keramikskulptur besteht aus frei gedrehten Teilen. Kirsten Wächter

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben