Kultur : KURZ & KRITISCH

Rüdiger Schaper

FILM (1)

Du sollst dir

kein Bild machen

Reden über eine Tote. Bald zwei Jahre ist es her, dass eine junge Künstlerin aus dem Berliner Tacheles zu Tode stürzte. Sie war, wie es heißt, gefährdet. Sie litt – ja woran? „Janine F.“ , ein ungewöhnlicher Dokumentarfilm, sucht die Erinnerung an diese Frau. Die Regisseurin Teresa Renn , Jahrgang 1977 und Absolventin der Filmakademie Baden-Württemberg, führte lange Gespäche. Reden über eine Tote: Freunde und Kollegen von Janine erzählen von der Frau, die sie zu kennen glaubten, von sich selbst. Rechtfertigungen, Schuldeingeständnisse, Küchenpsychologie, Alltagsgeschichten – Teresa Renns 80-minütiger Film zeichnet ein Porträt der Selbstmörderin (des Unfall- und Drogenopfers?), indem er sich kein Bild macht (heute und am Montag im Dokument-Kino, Rungestraße 20, Mitte, jeweils 18 Uhr). Nur einmal, und sehr kurz, kommt Janine selbst ins Bild, am Ende. Andere sprechen für sie; auch ihre unfrohen Pappmachéskulpturen und expressiven Gemälde. Hatte sie Talent? Je mehr man hört über sie, desto mehr scheint die Persönlichkeit Janines in die Ferne zu rücken. Distanz und Kälte sprechen aus den Monologen aus Janines Umgebung. Hatte sie Freunde? „Janine F.“ ist keine posthume Biografie. Vielmehr prägt diese sensible, schmerzhafte Arbeit eine tiefe Skepsis gegenüber Fakten und Zeugenaussagen – und dem Dokumentarfilm-Genre. Teresa Renn gewann diese Woche für „Janine F.“ den „First-Steps“-Dokumentarpreis. Filme über Tote können anklagen, beruhigen oder einfach nur informieren. Dieser Film ist nichts davon: eine Verstörung.

* * *

FILM (2)

Wenn Jungs mit

Puppen spielen

Manche heiraten ihre Sandkastenliebe ja. Für die meisten aber werden die ersten Freundschaften mit fortschreitender Sozialisation zu verblassenden Reminiszenzen. So geht es auch Jeab, der aus der thailändischen Provinz zum Studium in die Hauptstadt gegangen ist. Doch als er von der Hochzeit seiner Kindheitsfreundin Noi Nah hört, ist plötzlich alles wieder da: der Geschmack nach Kaugummi und Limonade, die Schlager und die kleine Ladenzeile, in der die Väter der beiden nebeneinander ihre Friseurläden betreiben. Und natürlich Noi Nah selbst. Es war einmal: Die beiden spielen Mädchenspiele, aber im Thailand der Achtzigerjahre ist der allzu intime Umgang eines Jungen mit Puppenhaus und Hüpfseil Anlass zu Ausgrenzung und Diffamierung. Irgendwann verrät er seine kleine Freundin, um sich die Anerkennung der Clique zu sichern. Bittersüße Erinnerungen, die für den thailändischen Spielfilm „My Girl“ (OmU, im Eiszeit) vom sechsköpfigen Regiekollektiv „365 Film Production“ mit lässigem Charme als bonbonbunter Bilderreigen in Szene gesetzt werden. Atmosphäre statt Drama: Kleinstadtkindheit mit strampelnden Fahrradcliquen, Bolzplatzszenen und der allmorgendlichen Verfolgungsjagd mit dem Schulbus. Silvia Hallensleben

INSTALLATION

Steine

verschnüren

Takeshi Kagaya, japanischer Minimal Art-Künstler, verwandelt die Galerie im Haus am Lützowplatz in ein Gesamtkunstwerk – so zumindest sein Anspruch. Eingerichtet hat der 1932 geborene Künstler seine Environments unter dem Titel „Raum – geteilte Verbindung“ mit Stein, Schnur und Holz (Lützowplatz 9, bis 17. 10.). Die hellen, hohen Ausstellungsräume haben keine Türen. Das faszinierte Kagaya. Er unterteilt sie meist diagonal mit überdimensionierten, farbigen Holzbalken. Dabei stoßen zwei Balken immer so aufeinander, dass ihre Enden zwei Schenkel eines Dreiecks bilden. Die schwarze, mehrschichtig aufgetragene Farbe verweist auf japanische Kalligraphie, das Rot auf die Nationalflagge. Kagaya ist tief verwurzelt im ZenBuddhismus. Die Steine, mit Schnüren kreuzförmig umwickelt, liegen im Raum verteilt und teilen ihn in ein Davor und ein Dahinter. Für das verbindende Element sorgen weiße, locker hängende Taue: Der scheinbare Widerspruch einer geteilten Verbindung ist zentral in der buddhistischen Philosophie. Kagayas „Raum“ braucht Zeit. Je länger man durch die Installation wandelt, desto stärker wird ihre Spannung spürbar. Kirsten Wächter

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