Kultur : KURZ & KRITISCH

Kirsten Wächter

THEATER

Tonbandstimmen,

Mädchenaugen

Im Sektionshörsaal des pathologischen Instituts der Charité , einem hohen, runden Raum mit geringem Durchmesser, riecht es nach Reinigungsmittel. Der Blick fällt auf den Seziertisch unterhalb der Tribüne. Unter einem weißen Laken zeichnet sich etwas ab: Ein Körper ist es nicht, was ist es dann? Regisseur Stefan Neugebauer vom Clubtheater Berlin hat sich diesen ungewöhnlichen Ort für seine Inszenierung von Samuel Becketts Stück Das letzte Band (1958) ausgesucht. (Noch bis 19.9., Charité Campus Mitte, Schumannstr. 20/21, Tel. 61 07 66 72, Fr-So, jeweils 21 Uhr).

Ein alter Mann, Krapp, hört Tonbänder ab, die er vor Jahrzehnten besprochen hat. Er sucht nach einem bestimmten Moment, in dem er sich, vor über 35 Jahren, in den Augen eines Mädchens verlor. In der Inszenierung hebt der Schauspieler Friedhelm Ptok das Laken vom Tisch, zum Vorschein kommt das Tonbandgerät. Neugebauer inszeniert „Das letzte Band“ als einsame Geburtstagsfeier. Ptoks ruhige, zurückgenommene Darstellung wird streckenweise unterbrochen von wütenden Gefühlsausbrüchen. Und zwischendurch schießt aus einem Hahn am Ende des Seziertischs ein Wasserstrahl krachend ins Becken.

Leider hat der ungewöhnliche Aufführungsort auch seine Tücken. Denn so beschäftigt, wie Krapp mit seinen Bändern ist, ständig über das Abspielgerät gebeugt, beinah vor ihm niederkniend, hat der Zuschauer im steil abfallenden Hörsaal zwar die Aufsicht auf das Silberhaupt des Schauspielers, doch weniger auf sein Gesicht.

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AUSSTELLUNG

Passbilder,

Spiegelantlitze

Sie sind die stummen Opfer einer grausamen Diktatur. Noch schlimmer ist, dass niemand weiß, wie sie aussehen, denn diese Kinder wurden in Gefangenenlagern geboren. Zwischen 1976 und 1983 wurden Hunderte Paare von Jorge Videlas Militärjunta verfolgt, gefoltert und niemals mehr freigelassen, etwa 500 Kinder sind bis heute vermisst.

Ihnen widmet sich die Wanderausstellung Identidad , die das Haus am Kleistpark im Rahmen des Metropolenprojekts „buenos aires berlin“ zeigt. Eine Gruppe von 13 argentinischen Künstlern hat zusammen mit der Menschenrechtsorganisation „Großmütter des Plaza de Mayo“ Fotos der verschwundenen Elternpaare gesammelt. Wie in einem Gefängnis steht der Besucher steht vor weißen Wänden, die nur schwach das kalte Neonlicht reflektieren. Auf Augenhöhe zeigt ein durchgehender Streifen die Gesichter der Entführten: ernste Passportraits und heitere Schnappschüsse, mal gestellt, mal unscharf. Einige zeigen die Konturen der Menschen, andere lediglich Bildausschnitte.Die knappen Biografien der Eltern lesen sich immer gleich: Ort und Zeitpunkt, an dem sie von Sicherheitskräften verschleppt wurden, dazu eine anonyme Zeugenaussage, zu welchem Zeitpunkt in welchem Lager ein Kind geboren wurde. Mehr als 100 Spiegel zwischen den Elternfotos ersetzen ihre Antlitze. Mit seinem Spiegelbild durchbricht der Besucher nicht nur das Schweigen, sondern schenkt den Verschollenen vor allem virtuell ihre Identität zurück. Manchmal sogar real: In Buenos Aires fanden zwei Besucher auf diese Art ihre Großeltern wieder. Mikko Stübner

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