Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

WELTMUSIK

Türkische Gala,

große Oper

Fazil Say ist ein Besessener. Einer, der sich wie ein Panther über die Klaviatur spannt, zum Sprung ansetzt – und Klassik mit Jazz mischt. Mit dem Pianisten aus Ankara das Berliner Türkei-Festival „Simdi Now“ zu eröffnen, ist eine sichere Bank. Say spielte schon als Kind Mozart-Sinfonien aus dem Gedächtnis, besuchte das von Hindemith gegründete Konservatorium von Ankara und lebt inzwischen in New York. Ein Weltbürger, unaufhörlich auf Tour. Im Konzerthaus stürzt sich Say zunächst in einen heftigen Schlagabtausch mit sich selbst: Am Computerflügel spielt er Strawinskys „Sacre du Printemps“ in der Fassung für vier Hände – und schichtet durch Manipulation der Klaviersaiten weitere Klanglagen auf. Dichter und dichter drängt sich der Satz, trotz beeindruckender rhythmischer Virtuosität beginnt das Klangbild zu schlieren wie ein verschneites Fernsehbild. Leichter finden Says eigene Kompositionen den Weg ins Ohr. Zu leicht manchmal: der Panther als Kuscheltier. In der „Rhapsodie über ein Thema von Asik Veysel“ tritt Sängerin Sertab Erener hinzu; ihre Stimme segelt hoch am Horizont. Der Applaus animiert Say und Erener zur Improvisation: Endlich swingt es zwischen Klassik, Jazz, türkischer Gala und großer Oper. Davon hätte man gerne mehr gekostet. Genau wie beim Empfang, zu dem der türkische Botschafter das ganze Haus einlud. Westliche Einheitshäppchen machen die Runde, die köstlichen türkischen Süßigkeiten dagegen finden sich am Rand. Baklava klebt zwar, der Geschmack aber ist himmlisch – und eigen.

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POP

Soundgemälde,

Powerklänge

Von Falco ist überliefert, dass ihn eine seltsame Melancholie befiel, als er mit seinem Song „Der Kommissar“ die Nummer eins der amerikanischen Single-Charts erreicht hatte. Er ahnte, dass es nach diesem Höhepunkt nur noch bergab gehen konnte. Auch Alphaville, Berlins Antwort auf den englischen Synthiepop von Depeche Mode oder Tears For Fears, landete einen frühen Hit: Die erste Single „Big in Japan“ war ein Welterfolg. Trotz Evergreens wie „Forever Young“ und „Sounds Like A Melody“ sollte es Alphaville nie gelingen, daran anzuknüpfen. Am Sonntag feierte die Band um Sänger Marian Gold im Varieté-Ambiente des Tipi nun ihr 20-Jähriges. Nach einer längeren Pause Anfang der Neunziger und verschiedenen Besetzungswechseln war sie im Nahen Osten, in Russland und Südamerika aufgetreten, vertrieb Hunderte neuer Songs übers Internet und pflegte eine überschaubare Fangemeinde. Mit Produzenten wie Klaus Schulze entwickelte Gold den Sound seiner Band weiter – in eine fragwürdige Richtung. Aus den filigranen Soundgemälden von einst ist ein überarrangierter Power-Pop geworden, viele neue Songs dominiert eine penetrante E-Gitarre . Verglich man Marian Gold früher mit Brian Ferry und dem Ultravox-Sänger Midge Ure, erinnert er heute eher an Meat Loaf. Den Fans gefällt’s: Schon beim dritten Song – „Summer in Berlin“ – hält es sie nicht mehr auf den gepolsterten Stühlen. Sie feiern eine Band, die für immer jung bleiben wollte und dann erfahren musste, wie schwer es ist, älter zu werden und sich doch treu zu bleiben. Heiko Zwirner

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