Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

NEUE OPER

Lass die Grenzen

hinter dir!

Keine Chance. Es ist einfach zu dunkel, um das Textbuch entziffern zu können. Zur Eröffnung des herbstlichen Festivals „Konzerte Oper 04“ sitzt das Publikum im Haus der Berliner Festspiele auf der Bühne. Kommentarlos, ohne einleitende Worte startet das, was einmal die Berliner Festwochen waren. Das Licht verlöscht, und auf den Leinwänden, die im Kreis über Jonathan Stockhammer und seinem Ensemble Mosaik aufgehängt sind, erscheint Omar Ebrahim, rezitiert den Eröffnungs-Monolog zu „Interzone“. „Lieder und Bilder für Stimmen, Video und Ensemble“ haben der Komponist Enno Poppe und der Auto Marcel Beyer ihr Auftragswerk sehr frei nach William S. Burroughs genannt. Wie bei dem amerikanischen Schriftsteller gibt es weder Anfang noch Ende. Keine Grenze, nirgends. Ein Bilderstrom, von Anna Quirynen zusammengestellt, gleitet vorüber, Autofahrten, indische Straßenszenen. Der vorherrschende Farbton ist New Yorker Taxigelb. Verstünde man etwas von Beyers Gedichten, vielleicht würden sich Verbindungen erschließen, auch zum tönenden Emotionsraum, den Poppes Musik umreißt. Sechzigerjahre-Spacesounds bleiben in Erinnerung, sich verschlingende Holzbläserlinien, die fast zu Melodien werden, amorphe Koloraturen der Sänger, die sich fortwährend in arabisch anmutende Melismen auflösen wollen. 90 Minuten in einem fremden, rätselhaften Universum.

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„SIMDI NOW“-FESTIVAL

Finde den

Unterschied !

Fast scheint es, als sei zur Karriere als Klavierduo verdammt, wer als Zwillingspaar in eine auch nur einigermaßen musikalische Familie hineingeboren wird. Ferhan & Ferzan Önder , ebenso attraktiv wie sympathisch, erlangten sie eine Popularität, die sie bis in die Harald Schmidt Show führte. Mit ihrem Programm „1001 Nights“ setzen sie beim „Simdi Now“-Festival auf den Reiz des fremden Orients. Den entdeckte in der Klavierliteratur vor allem die Romantik: Rachmaninows „Fantasie-Tableaux“ glitzern nur so von fein gesponnenem Rankenwerk. Eindeutiger bekennt sich „Sheherazade“ von Rimskij-Korsakow zum blumig ausschmückenden Erzählgestus. Eine gewisse Weitschweifigkeit kann aber auch die sensible, dann wieder erstaunlich kraftvolle Interpretation nicht verhindern – bei aller Anschlagskultur rennt sie dem Farbenrausch der Orchesterfassung doch nur hinterher. Die Vorstellung asiatischer Wildheit erfüllt einzig Mili Balakirews „Islamey“ mit seiner sich im Kreis drehenden Thematik und entfesselten Rhythmen.

Beim zweiten türkischen Duo-Abend des Festivals mit Güher & Süher Pekinel fällt die Bearbeitung anatolischer Volkslieder von Ilyas Mirzayev auf: Die Uraufführung in der Philharmonie kombiniert zart verhauchende Floskeln der Rohrflöte Ney mit harter Perkussion und virtuosem Jazz-Piano. Eine Begegnung von Orient und Okzident, von der sich das geschliffene, durchgestylte Spiel des Klavierduos Güher & Süher Pekinel wie ein Fremdkörper abhebt. Mit ihrer Interpretation des d-moll-Konzerts von Francis Poulenc, das Paavo Järvi mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen transparent und spritzig begleitet, führen sie natürlich die Phalanx türkischer Klaviertalente eindrucksvoll an. Doch das ist in seiner olympischen Präzision so glatt, so kühl, so sehr westlicher Mainstream, dass man sich fragt, was das weltberühmte Duo hier eigentlich sagen will. Der Nachwuchs mit seiner sensiblen Spurensuche jedenfalls zeigt da einen neuen, viel versprechenden Weg. Isabel Herzfeld

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KLASSIK

Hör auf das

Wunderhorn !

Eliahu Inbal, Chefdirigent des Berliner Sin fonie-Orchesters , ist bereit, seinen Vertrag zumindest bis 2006 zu verlängern. Auf dem Eröffnungsempfang im Hilton dankt ihm Intendant Frank Schneider für die Kontinuität der Zusammenarbeit und warnt davor, die Reputation der Orchesterlandschaft Berlins mit Fusionsdiskussionen schnellfertig zu beschädigen. Im Konzerthaus dirigiert Inbal die dritte Symphonie Mahlers, von der gesagt wird, dass sie der Wunderhornpoesie besonders nahe steht. Inbals Interpretation aber zeigt, wie die Musik romantische Sehnsucht (des meisterhaft geblasenen Posthornsolos) und melancholische Charaktere immer wieder scharf, kantig, verletzend sprengt. Es ist das einzigartige Idiom Mahlers, das in den Signalen der gestopften Trompeten, den Marschthemen, den Wiederholungen, die sich niemals gleichen, den Prophetenruf des 20. Jahrhunderts erschallen lässt. Der Abstand zur kürzlich aufgeführten Sechsten ist bei Inbal nicht groß: Wiederum eine Symphonie der Schmerzen. Vorbildlich führen die acht Hörner den ersten Satz an, dessen Dauer die Hälfte des 90-minütigen Werks einnimmt. Inbal zwingt den formalen Wildwuchs zur Einheit. Leider steht kein Knabenchor zur Verfügung, der („Bimm bamm“) den Ton einer Glocke träfe. Der gereifte Rundfunk-Kinderchor und Damen des Ernst Senff Chors mischen sich als zwei Frauenchöre. Iris Vermillion wagt sich durchaus leise an Nietzsches „O Mensch!“. Im Orchester brillieren alle Bläser und schließlich die Streicher, die im Finale das Lob der Langsamkeit singen. Sybill Mahlke

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