Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Wenn die Taube

ihr Gefieder schüttelt

Zum Saisonauftakt des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin gibt es Freisekt, und so lässt sich die Stimmung in der Phiharmonie von Anfang an als gehoben bezeichnen. Dazu passt das Programm; als Verbeugung vor dem Jubilar Antonín Dvorák meidet es das allzu Tiefsinnige. Die sinfonische Dichtung „Die Waldtaube“ entführt in eine schillernde Märchenwelt. Chefdirigent Marek Janowski zaubert einen bestrickenden Reichtum an Klangfarben hervor: ferne Hornrufe, zart herabrieselnde Tremolo-Schleier, Silberglanz von Harfe und Triangel, feurige Trompetensignale und sehnsüchtigen Cello-Schmelz. Wenn vor drohender Bassklarinette die Taube in angstvollen Trillern ihr Gefieder schüttelt, ist ein Höchstmaß an Bildhaftigkeit erreicht. In der Sinfonie Nr. 8 fruchten solche Höchstleistungen weniger: auch hier der Klang brillant, die Steigerungen imposant, doch fehlt in den Mittelsätzen die Liebenswürdigkeit, das tänzerische Flair.

Auch in Beethovens c-moll-Klavierkonzert arbeitet Janowski dem Pathos entgegen. Lars Vogt führt es mit extremer Dynamik wieder ein. Den eisenharten Läufen und Akkorden zur Eröffnung, dem Ingrimm der Kadenz steht ein fast zu weiches Seitenthema gegenüber. Zarte Trillerketten, punktgenaue Abstimmung mit dem Orchester, kraftvoll gesetzte Akzente belegen die Klasse des Solisten. Klangliche Wärme jedoch kommt nur im gestenreichen Zwiegespräch des Largos auf.

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NEUE MUSIK

Im Wendekreis

des Clusters

Am lustigsten ist Neue Musik, wenn das Publikum nicht ahnt, was es erwartet. Ein Klavierabend mit Toros Can im Rahmen des Simdi Now-Festivals : Das können nur Klavieradaptionen türkischer Folklore sein, dachte sich wohl ein Teil des spärlich erschienenen Publikums. Nach wenigen Takten von George Crumbs „Makrokosmos“ beginnt man zu tuscheln. Nach und nach verlässt ein erheblicher Teil den Kammermusiksaal , unwillig, das gerade einmal einstündige Konzert zu ertragen. Höflich ist das nicht, schon gar nicht gegenüber Toros Can, der zu den namhaftesten türkischen Pianisten zählt.

Und er hat es nicht verdient, denn seine Interpretation des „Makrokosmos“ ist schlüssig. Nahtlos lässt er die 24 Stücke ineinander gleiten. Voll Energie traktiert er alle Teile des Flügels, lässt Saiten äolsharfenartig schwingen, stürzt sich dann mit Wucht in knallige Cluster. Gelegentlich geraten Klangaktionen zu schematisch, die Vokaleinlagen – Crumb fordert den Interpreten auch als Sänger – hat man schon eindringlicher gehört. Crumbs Musik, aufgeladen mit archaischen und sakralen Motiven, mischt Tierkreiszeichen mit Kirchenmusik. Das mag etwas effekthascherisch sein, kurzweilig ist es allemal. Mit anderem Publikum könnte man diese Musik glatt genießen. Ulrich Pollmann

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