Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahl

KLASSIK

Klangfarbe

der Romantik

Der Dirigent Daniel Barenboim , der junge Künstler aus Israel und den arabischen Ländern in seinem West Eastern Divan zusammenführt, der gemeinsam mit dem Palästinenser Edward Said für diese Friedensarbeit ausgezeichnet wurde, ist in seinem Wesen ein Romantiker. Aktiver Romantiker. Er hat die Kraft, introvertiertes Denken mit Taten zu verbinden. So sorgt er auch für seine Staatskapelle Berlin. Dafür fliegen ihm die Herzen zu.

Das Publikum im Konzerthaus will nach der vierten Sinfonie von Schumann kaum weichen, obwohl ein Eröffnungskonzert mit Überlänge zu Ende gegangen ist. Wer romantisch denkt wie Barenboim, dem liegt der wehmütige Ton der Partitur wie ihr mitreißendes Finale im Blut. Das Programm zeigt, dass Barenboim als romantischer, also als poetisch orientierter Musiker plant. Offen ist er dabei auch für die amerikanische Gegenwart eines Elliott Carter, der ihm seinen konzisen Zyklus „Of Rewaking“ (2002) gewidmet hat. Die Uraufführungssängerin Michelle DeYoung verteidigt die selbstbewusst ruhige Bahn der drei Gedichte von William Carlos Williams, auf die eine bewegt-atmosphärische Klanglichkeit reagiert. So stehen die späten Lieder für die Schaffenskraft Carters (geb. 1908) wie für das Wort als Realität der Lyrik. Arnold Schönbergs Klangfarbenmelodie, sensibel zelebriert in den Fünf Orchesterstücken Opus 16, leitet zu dem Ereignis über, das als interpretatorischer Höhepunkt gelten darf: das Violinkonzert von Felix Mendelssohn Bartholdy. Darin vereint der Geiger Maxim Vengerov traumwandlerische Musikalität mit Kontrolle, gewichtet die Spitzentöne durch Zurücknahme ins Leise. Und das Schönste ist, dass sich sein feiner, beseelter Ton im Gleichklang mit Barenboim und der Staatskapelle befindet. ke

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POP

Die Nackten

und das Hässliche

Das White Trash Fastfood ist ein Nachtasyl an der Torstraße, das davon lebt, dass Menschen, die zum Beispiel in Tempelhof wohnen, sich von amerikanischen Kellnern zeigen lassen, was heute in Berlin Mitte so angesagt ist. Nun drehten die Erlebnis-Gastronomen den Bratspieß gewissermaßen um und luden nach Tempelhof ein. In der beinahe gut gefüllten Columbia Halle drängte sich das Mitte- Volk für eine Nummernrevue. Acts wie die Golden Showers oder Fotzimilian Lecker (es war Maximilian Hecker) stimmten erwartungsfroh.

Weil aber rund zwanzig Acts mindestens eine Spannungskurve, besser noch echte Höhepunkte brauchen, kommt keine rechte Erregung auf. Da wirken selbst ein splitterfasernackter Schwarzer, ein Dildo-Ballett mit Schamhaarperücken und die Großraumdisco-taugliche Paarungspantomime der italienischen Ex-Abgeordneten Cicciolina ermüdend. Showers-Sänger Rasi, als Berliner Ausgabe von Marylin Manson der klare Titelverteidiger, schleudert Blitze aus dem Stroboskop und Gummitiere ins Publikum – als Antwort fliegen Plastikbecher. Erst als Peaches die Gitarre einstöpselt, kommt etwas Bewegung ins Publikum, doch die geloopten Rock-Riffs klingen beliebig. Die charmanteste Entdeckung sind neben den Elektropunkern Things die singenden Barmädels Trash Cats in ihren rosa Kittelschürzen. Gerne man noch Lemmy von Motörhead gehört, aber draußen tobte schon die Schlacht ums Taxi nach Mitte. Manchen wird dieser Abend dennoch sehr lange in Erinnerung bleiben. Am Rande surrten unablässig die Nadeln der Party-Tätowierer. Bodo Mrozek

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