Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

AUSSTELLUNG

Kliemanns Reisen

in die Abstraktion

Häuser am Horizont, am Himmel dichte Wolken. Den freien Blick auf die Landschaft verstellt eine Männerfigur im Vordergrund. In den flüchtigen Pinselgesten, die diese Schattengestalt umreißen, vibriert die malerische Spannung des Umfelds weiter. Das Landschaftsgemälde ist gleichzeitig ein Selbstporträt – des Berliner Künstlers Carl-Heinz Kliemann . Der Maler in der Landschaft lautet der Titel des 1995 entstandenen Bildes und gleichzeitig seiner Ausstellung im Museum Ephraim-Palais . Über hundert Gemälde, Grafiken und Relief-Arbeiten umfasst die Retrospektive aus Anlass seines 80. Geburtstages (bis 10.10., Poststr. 16, Di–So 10–18 Uhr, Katalog 20 €). Am Anfang seiner Karriere stand ein großes Vorbild. Denn an der Hochschule der Künste war er Meisterschüler von Karl Schmidt-Rottluff. Diese Nähe zu den „Brücke“-Expressionisten lässt sich vor allem an den Farbholzschnitten der ausgehenden Vierziger- und frühen Fünfzigerjahre ablesen. Auch die Landschaften und Stadtansichten jener Jahre bleiben der ausdruckshaft übersteigerten Gegenständlichkeit eines Schmidt-Rottluff oder Ernst Ludwig Kirchner treu. Später, unter dem Eindruck des Informel, stößt seine Malerei zur Ungegenständlichkeit vor. Die in den Sechzigerjahre im italienischen Olevano entstandenen Aquarelle lassen kaum noch eine Landschaft als Motiv erkennen. Darauf verweist in den düster-farbigen Kompositionen gerade noch die Horizontlinie. Ein seidener Faden, der die Kompositionen mit der gegenständlichen Welt verbindet. Die zeichnerischen Gesten rücken in den Vordergrund – und mit ihnen die Körperlichkeit des Künstlers.

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KLASSIK

Theseus spielt

auf dem Rummelplatz

„Das kann ich beides“, muss sich Harrison Birtwistle gedacht haben, als vor 20 Jahren die Diskussion um Neue Einfachheit und Neue Komplexität die Agenda der Neuen Musik bestimmte. So nimmt Birtwistle in bester englischer Tradition schlichte und kantable Linien, um sie dann in allen erdenklichen Varianten übereinander zu schichten. Es ist der Ariadnefaden, den er in „Theseus Game“ durch ein Labyrinth führt, eine Melodie spinnt sich, stetig überlagert und bedrängt von einem wuchernden Knäuel durch das Stück. Ein Bravourstück für das Ensemble Modern , dass das hochkomplexe Stück im Konzerthaus mit zwei Dirigenten realisiert. Und doch tönt es gelegentlich wie Rummelplatzmusik, Birtwistle ist mächtig bunt und zeigt zu wenig Konturen. Atempausen, Ruhepunkte und neue Fokussierung sind ihm fremd, das Werk führt sich zuweilen auf, wie ein Bandwurm.

Ganz anders Luigi Dallapiccola: Auch er ist der Tradition seines Landes verpflichtet, bedient sich des Belcanto ebenso wie der ergreifenden emotionalen Geste. Aber sein „Canti di prigionia“ entfaltet mit der auf zwei Klaviere und Harfen sowie Schlagzeug reduzierten Besetzung jene Konzentration, die Birtwistle vermissen lässt. Immer wieder webt Dallapiccola das beschwörende „Dies Irae“ aus der Totenmesse als Fixpunkt in seine sonst zwölftönigen Instrumentalstimmen. Das SWR Vokalensemble Stuttgart intoniert dazu Texte von Boëthius und Maria Stuart, um Gefangenschaft und Hoffnung auf Freiheit geht es. Wie Dallapiccola sich, vom faschistischen Italien in die innere Immigration gedrängt, ohnehin als politischer Komponist verstand – bis hin zu dem späten „Tempus destruendi“, das den denkwürdigen Abend im Konzerthaus eröffnete. Ulrich Pollmann

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