Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

OPER

Viel Rauch

und wenig Feuer

Eigentlich ist es nur ein saftiges Steak, das da auf dem Grill brutzelt. Doch der Geruch verbrannten Fleischs beschwört in Tommy die Erinnerung an die Gräueltaten, die er selbst beging – und zu seinem eigenen Entsetzen sogar genoss. Mit Friendly Fire hat sich die Neuköllner Oper wieder mal an ein heißes Eisen gewagt: Es geht um den Irak-Krieg und um die Folterbilder, die vor wenigen Monaten unser Bild vom zivilisierten Kulturmenschen erschütterten. Termingerecht zum dritten Jahrestag von „Nine-Eleven“ platziert, will die Oper von Klaus Arp (Musik) und Andreas Bisowski (Libretto) dort Verständnis suchen, wo die Schuld erdrückend ist. Ein edles Ansinnen, für das die zeitgenössische Musik ein ganzes Arsenal an verstörenden, komplexen Klängen aufbietet: Schließlich sind es nicht die Helden, sondern die Randexistenzen, denen seit Wozzeck das Hauptinteresse der Oper gilt. Auch „Friendly Fire“ versucht, die Gräueltaten des Soldaten Tommy (Christian J. Jenny) durch sein soziales Umfeld zu erklären: Durch den Vater, der sich im Vietnamkrieg auch nicht besser benommen hat. Doch gerade der Anspruch, den Blutrausch als Rebellion gegen die eigene Unterdrückung nachvollziehbar zu machen, erweist sich als zu hoch. Immer wenn es darum geht, die aus zahllosen Vorabendserien bekannten Ami-Klischees vorzuführen, beginnt das „Friendly Fire“ munter zu züngeln: Wenn Regisseur Robert Lehmaier Teenager in Doris-Day-Klamotten und blickdichten Strumpfhosen über die schicke Retro-Bühne wirbeln lässt, kommt Leben in die Bude, und auch dem sonst eher an Rhythmusflächen schnitzenden Arp fallen ein paar Tonfolgen ein, die entfernt an Melodien erinnern. Doch sobald es Ernst wird, versagen Text und Musik: Tommys Hadern mit der eigenen Schuld, seine Entfremdung von der Familie werden in pathetischer, postveristischer Operndeklamation nach außen gestülpt. Verzweiflung klingt anders. Mitleid auch (wieder heute, 14., 15., 17., 19., 23.-26.9.).

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OPER

Mit zwei Rädern

um die Kurve

Das Leben, wie von Rossini bezeugt: eine komische Oper, die verweht wie die Perlen einer Flasche Champagner. Zur Eröffnung der Saison hat die Deutsche Oper ihren Gästen einen kräftigen Schluck des anregenden Getränks eingeschenkt. Alberto Zedda, der vor Tatendrang und Witz sprühende Altmeister der Rossini-Interpretation, genoss sichtlich die Aufgabe, das Orchester vom Urlaubsleerlauf auf die Höchstdrehzahl zu beschleunigen. Unter seinem Dirigat sauste die Verrückte Verwechslung , ein Zweiakter des 19-jährigen Rossini , wie ein Sportcoupé über die Bretter. Bescheiden wurde der Abend als „konzertante Aufführung“ ausgewiesen, doch was sich rund um die Musiker ereignete, war ein fein perlender Theaterspaß. Wenn Leichtigkeit, Tempo und ein Ensemble mit Lust an skurrilen Charakteren zusammentreffen, rotiert die Bühne, mischen sich intellektueller und sinnlicher Genuss wie in den Meisterwerken der Screwball-Comedy. Der neureich-pathetische Vater (Bruno Praticò) und der blasierte Schwiegersohn in spe (Lorenzo Regazza): Nie klang der Zusammenstoß zweier Hohlköpfe mit Goldkettchen komischer und das sich im Chaos findende Paar anrührender (der zart schmelzende Tenor Antonino Siragusa und die verträumt-resolute Silvia Tro Santafé). Derart musikalisch angeheitert verlässt man selten die Oper (noch einmal am 13.9., Gespräch mit Alberto Zedda am 12.9., 16.15 Uhr im Foyer). Ulrich Amling

SHOW

In Gummistiefeln

auf die Bühne

„We are the future!“, skandiert das junge, in der Post-Apartheid-Ära selbstverständlich schwarz-weiß-versöhnte Ensemble von African Footprint . Solchen Optimismus führt Richard Loring, der britische Autor und Produzent des vor vier Jahren in Johannisburg uraufgeführten Songand-Dance-Spektakels, auf historische Fußstapfen zurück. Von archaischen Stammesriten geht die Zeitreise zur Township-Romantik, von dort zur gegenwärtigen Fußballbegeisterung. Dabei ist der Zuschauer im Schiller-Theater einer Menge an Dezibeln, Kunstnebel und panafrikanischem Pathos ausgesetzt. Musikalisch bietet die Show einfache Kost, ergibt sich in simplen Harmonien, verzichtet auf Click-Laute und bringt die mehrstimmigen Zulu-Chöre lediglich im Playback. Dagegen überzeugen die Trommler und perkussiven Tänzer: Vor den wunderbar beleuchteten Bühnenbildern wird gesteppt, ballettiert, und der Tanzwettstreit der Gumboots gerät zu einem Höhepunkt der Choreografien. Eine gut geölte Mannschaft bringt den Rhythmus des Schwarzen Kontinents auf die Bretter (bis 7.12., Di-Do 20 Uhr, Fr u. Sa 21 Uhr, So 15.30 und 19 Uhr) . Roman Rhode

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