Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Verstörendes Gedenken,

trotziger Selbstbetrug

Zum ernsten Gedenken an den 11. September schien das Programm des Berliner Sinfonie-Orchesters im Konzerthaus gemeint. Doch wer dächte bei Gustav Mahlers „Kindertotenliedern“ heute nicht unwillkürlich an die Opfer des jüngsten Terroranschlags, die Kinder von Beslan? Die Lieder durchmessen Gefühle, die diese Tage bestimmt haben, bange Sorge, trügerische Hoffnung, Verzweiflung, Aufbegehren. Iris Vermillion gibt ihnen ergreifende, ungewöhnlich bewegte Töne. Der kostbaren Altstimme ringt sie dabei durchaus auch mal raue, kehlige Laute ab, wenn es der Ausdruck verlangt. Das holt Untergründiges ans Licht: „Jawohl, sie sind nur ausgegangen“ ist so keine harfenumwogte Idylle mehr, sondern trotziger Selbstbetrug, „In diesem Wetter, in diesem Graus“ die pure Selbstanklage.

Die Sensibilität, mit der Eliahu Inbal die Sängerin begleitet, macht auch Bruckners dritte Sinfonie zum Ereignis. Ganz vorsichtig erhebt sich das erste Trompetenmotiv aus pulsierendem Streicherteppich, um nach riesiger Steigerung im machtvollen Unisono zu münden. Farbenreiche Transparenz wirkt fast kammermusikalisch und lässt etwa im Seitenthema nie gehörte Melodien entdecken. Doch Inbal, der die erste Fassung bevorzugt, stellt vor allem Bruchstellen und Überblendungen heraus. Die Generalpausen sind schwarze Löcher, in denen die Musik versackt und versandet, um dann anarchisch völlig neue Anläufe zu nehmen. Bruckner verstörend modern wie nie.

KLASSIK

Goldener Spätsommer,

trunkene Wehmut

Lang ist der Weg, den sich Simon Rattle in die Herzkammern der deutschen Sinfonik bahnt: Strauss und Schumann, Bruckner und Brahms, die traditionellen Paradestücke der Kapellmeisterschaft, standen bislang kaum oder gar nicht auf seinen Philharmoniker-Programmen, mussten Sibelius, Strawinsky und Messiaen Platz machen. Doch was nicht an die Öffentlichkeit kam, ist im Verborgenen gereift. In der Philharmonie zeigt die zweite BrahmsSinfonie, was Rattle zu dieser Musik zu sagen hat: Es ist die Antwort der Romantik auf Beethovens „Pastorale“, die er an diesem Abend gibt, eine Durchdringung klassischer Form und gefühlsinniger Naturwahrnehmung (noch einmal heute, 20 Uhr). Ein spätsommerlich goldenes Licht durchzieht das ganze Werk, im dunkel grundierten Streicherklang klingt schönheitstrunkene Wehmut auf, die Holzbläser geben letzte Vogelstimmen herein, gedämpfter Paukenwirbel gemahnt an das baldige Ende des Idylls.

Überwältigend zeigt sich hier, was Rattle bei den Philharmonikern bewirkt hat: An die Stelle von Korpsgeist und polierter Oberfläche ist eine kammermusikalische Durchsichtigkeit, ein Geist des Dialogs getreten, zugleich ist der Klang der einzelnen Orchestergruppen wärmer, körperlicher geworden. Dass die erste Programmhälfte mit Kaija Saariahos hübsch-dekorativem „Orion“-Triptychon und Karol Szymanowskis orientalisch parfümierten „Hafis-Gesängen“ (Solistin: Katarina Karnéus) dagegen etwas verblasst – wen stört das schon? Jörg Königsdorf

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