Kultur : KURZ & KRITISCH

Philipp Lichterbeck

THEATER

Gewalt

im Altarraum

Man muss dem „Berliner Kurier“ sogar dankbar sein. Die Boulevardzeitung hatte dem Pfarrer der St.-Marien-Gemeinde Fotos von nackten Schauspielern vorgelegt, die in der Parochialkirche das Stück „Bastard“ probten. Man witterte einen „Sex-Skandal“, der Pfarrer verbat sich die Genitalienschau im Altarraum. Worauf der Regisseur des Ikaron-Theaters, Carlos Medina, auf die Nacktszenen verzichtete. Zum Glück, muss man sagen, sie hätten sein mit plakativer Symbolik überfrachtetes Stück endgültig scheitern lassen. Der Exilchilene Medina, der zu DDR-Zeiten am Berliner Ensemble wirkte, inszeniert „Bastard“ nach einem unveröffentlichten Text des Schriftstellers Volker Braun. Es geht um die Vergewaltigung einer Muslimin durch einen serbischen Soldaten und die Liebe, die sich zwischen beiden entspinnt (bis 18.9., Klosterstr. 67, Mitte, 20 Uhr). Doch Medina verwandelt den provozierenden Stoff in Betroffenheitsgetue mit starken pädagogischen Zügen. Es wird in seinem Bewegungstheater zwar viel geschrien und gestöhnt. Doch weder hat Medina zwingende Bilder für sein 13-köpfiges Schauspielerensemble gefunden, noch weiß er, den großartigen Raum der entkernten Parochialkirche akustisch zu nutzen. Der Text bleibt unverständlich. Was vor allem daran liegt, dass Medinas Frau Teresa Polle sich als Vergewaltigte nicht mehr verständlich zu machen weiß. Fragwürdig ist denn auch, physisch und emotional völlig entkräftete Schauspieler weinend einem Publikum zum Premierenapplaus entgegentreten zu lassen. Das ist nach zwei langen Stunden überwiegend erleichtert.

AUSSTELLUNG

Lost

Installation

Um Tokio zu sehen, muss man nicht nach Tokio reisen. Die Rauminstallation „Tokyo mono“ von Marion Eichmann in der Galerie Marion Eichmann verschafft dem Besucher die Illusion, in die fremde Welt der asiatischen Metropole einzutauchen (bis 31.10., Auguststr. 73, Mitte, Di– Sa 13–18 Uhr). Auf 50 kleinen japanischen Badehockern hat Eichmann Gebäude, Straßenzüge, Cafes, Plätze und alltägliche Lebenssituationen aus, in und von Tokio collagiert. Durch die symmetrische Anordnung der Hocker im Raum erhält das kaum überschaubare Chaos von Farben, Formen, Fotos, Bildern, Zeichnungen, japanischen Schriftzeichen und Drähten eine eigene Logik, aber kein System. An einer Ecke ein Spielcasino, weiter hinten das Rotlichtmilieu, gegenüber der Hafen, daneben Sushi und Nudeln, Fahrräder und ein Waschsalon, irgendwo dazwischen Tokio bei Nacht und das U-Bahn-Netz, überall bunte Reklametafeln. Tokio eben. Erschöpft von diesem „Stadtspaziergang“ (Eichmann) kann man die Szenerie auch im Sitzen mit einem Fernglas betrachten. Doch dieses Auguststraßen-Tokio ist eine private Obsession. Die Badehocker erzählen die Geschichte von Eichmanns Tokio-Aufenthalt, ohne dass sich einem – über eine gewisse Faszination für das japanische Mega-Urbane hinaus – das Zeichenmeer erschließt. Katharina Wagner

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