Kultur : KURZ & KRITISCH

Rüdiger Schaper

THEATER

Wer vieles bringt,

wird manchem etwas bringen

Hinter der Bühne ist vor der Bühne? Zu den schwierigsten (und schönsten) Genres gehört die Backstage Comedy. Martin Heckmanns , ein zurzeit angesagter jüngerer Theaterautor (Jahrgang 1971), will sich in der Anrufung des Herrn daran versuchen. Seine vier Personen haben also ihren Autor gefunden, aber nicht wirklich ein Stück. Es gibt keine Story, aber einen gemeinsamen Gegner: die Sprache. Sie stellen sich quer, die Wörter, narren, quälen, amüsieren die Sprecher. Was zum Beispiel so klingt: „Einmal angefangen, über den Tod zu sprechen/Fängt das Sprechen an, vom Tod zu sprechen/Spricht alles, was gesprochen wird vom Tod/Ist alles Besprochene automatisch das Totgestellte/Ist Sprechen töten.“ Eine Fingerübung; bisschen Jandl, bisschen Pirandello, bisschen Morgenstern, bisschen Handke. Charmant, harmlos. Patrick Wengeroth, Regieassistent der Berliner Volksbühne, hat dies Quodlibet in Zusammenarbeit mit dem inzwischen abgewickelten Dresdner TIF und den Sophiensälen (noch am 18. und 19. Septenber) auch sehr harmlos und charmant in Szene gesetzt. Eine Wanderbühne (von Mascha Mazur), ein Vorhang, der ein hübsch zerlegbares Wohnzimmer verbirgt (das wird auch mal zertrümmert, aber vorsichtig, mit viel Fingerspitzengefühl). Viel geht die nicht abschaltbare Rede um Vergänglichkeit, Schein oder Nichtsein. Es ist zwei Stunden lang einfach nur nett, selbstverliebt und gut abgeschirmt gegen alle Welt – wie man es häufig erlebt in der deutschsprachigen Dramatik, die nicht dramatisch sein kann oder will. Auf Dauer ein bisschen wenig, oder?

* * *

ROCK

Schlafen kann ich,

wenn ich tot bin

Ist inzwischen alles gesagt in Rock und Pop? Bleibt nur der Rückgriff auf Vergangenes? Neuerdings auf die Düsterwelle der 80er. A la Joy Division/New Order. Maria am Ufer , der dunkle Schuppen mit Baustellen-Flair, ist der richtige Ort dafür. Finstere Mienen drängeln sich im blauen Dunst vor der Bühne. Lächeln wäre uncool. Interpol aus New York fangen da an, wo die dunklen Wellenreiter der 80er untergegangen sind. Ein Keyboarder, der aussieht, als würde er nicht dazugehören.Von links hört man eine Gitarre schrappen: Daniel Kessler in Schlips und Anzug. Rothemd Sam Fogarino trommelt kurze, schnelle Achtel, manchmal beidhändig. Paul Banks, College-Boy in schwarzem Hemd, rotem Schlips, rattert mit. Rangelt mit den anderen, immer um dieselben zwei Akkorde. Monoton der Gesang. Teenage-Angst und Panik, ausgedrückt in Ausdruckslosigkeit, Modulationsarmut. Der Bass grummelt dräuend in tiefster Tiefe. Carlos D. hat ihn ganz nach unten gehängt. Ist das eine Knarre, die da baumelt? Oder der Sender fürs Instrument? Zackiger Gruß zum Abschied. Nach einer Stunde. Die Fans wollen mehr. Bekommen sie nächste Woche auf dem neuen Album „Antics“ (Labels). H.P. Daniels

KLASSIK

Leise klingen

meine Lieder

Als er ein Kind war, hörte Jos van Immerseel ein Konzert von Dave Brubeck. Nach dem Auftritt stellte er sich dem legendären Jazzpianisten forsch als Kollege vor. Was denn sein Lieblingskomponist sei, fragte Brubeck. Immerseel rang sich verlegen einen Namen ab: Debussy! „Das ist der Vater aller Jazzer“, antwortete Brubeck. Nachdem Immerseel diese Geschichte im Kammermusiksaal erzählt hat, gleitet er an den Erard-Flügel und spielt Brubeck – als Zugabe nach einem Debussy-Programm. Eine verführerisch sanfte Art, unerhörte Harmonien zu spielen. Immerseel ist mit zwei historischen Flügeln aus seiner Sammlung nach Berlin gereist, um einen Eindruck davon zu vermitteln, wie Debussy geklungen haben könnte, bevor der Klang des Steinwayflügels zum Standard-Stahlgewitter avancierte. Zum intimen Erlebnis wird dabei vor allem die Begegnung mit dem piano demi-queue von Erard, einem Instrument der Salons. Sein leicht gesenkter, nostalgischer Tonfall lässt Debussys Kompositionen noch moderner erscheinen, noch abgründiger. Ein Gefühl, das sich einstellt, wenn man lange vor Monets Seerosen gestanden hat: Größe und Brillanz des Werks treten zurück, in der Tiefe arbeitet es, und die Farben dunkeln nach mit jedem Wimpernschlag. Ulrich Amling

THEATER

Wem Gott will

rechte Gunst erweisen

Sie sind nicht, was sie sollen, und wollen nicht, was er will. Gott sitzt auf dem Sofa und telefoniert verzweifelt mit der Reklamationsstelle. Aber die fühlt sich nicht zuständig für die Rücknahme seiner missratenen Geschöpfe. Da muss er sich schon selbst etwas einfallen lassen.

1924 hat der expressionistische Dichter und Bildhauer Ernst Barlach in seinem Werk Die Sündflut die klare Verortung von Gut und Böse der biblischen Arche-Noah-Geschichte in Frage gestellt. In Sabine Truckenbrodts Inszenierung des Dramas im Theater unterm Dach wird Gott zum Aktionskünstler, der mit Pinsel und Farbe sein Gesamtkunstwerk bearbeitet. Menschen und Engel kriechen, winden und wälzen sich über die Bühne und übereinander. Die Dialoge schwanken zwischen Barlachs sperrigem Originaltext und moderner Umgangssprache. Jeder möchte einen der begehrten Plätze auf dem Sofa – der Arche – bekommen. Gott spielt Türsteher: Nur Noah und seine Familie sind zugelassen. Gerettet wird trotzdem niemand.

Die Kategorien von Gut und Böse, Gott und Teufel, von Barlach nur verschoben, werden in Truckenbrodts Inszenierung bis zur völligen Aufhebung umgekehrt. Antworten, Alternativen oder gar Hoffnung auf Erlösung gibt es nicht. Am Ende lässt Er die Welt in einer gewaltigen Sündflut aus Farbe, Wasser, Schleim und Dreck versinken (Danziger Str. 101, Mitte; weitere Aufführungen bis 24. Oktober). Katharina Wagner

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