Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK

Die Gischt

der Töne

Kurz vor halb zehn platzt Simon Rattle doch der Kragen: Er dreht sich zum restlos gefüllten Saal um, lächelt und sagt: „Es ist wirklich schwer, sich zu konzentrieren, wenn so viel gehustet wird.“ Da hat der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker die Leute wohl überfordert mit seinem reinen Claude Debussy-Programm: zwei Stunden feinster französischer Musik, die höchste Aufmerksamkeit verlangt. Die Fähigkeit, mehr als drei Minuten lang entspannt und doch konzentriert zuhören zu können, wird wohl dereinst als größte soziale Kompetenz des 21. Jahrhunderts gelten. Der britische Dirigent und seine Instrumentalisten haben dieses mitdenkende Hören seit frühester Jugend trainiert, darum können sie mit vollendeter Eleganz Debussys Meisterwerke der Nuancierungskunst vorführen. Beim normalen Klassikkonsumenten aber übertönt der Alltagslärm im Innenohr bald wieder die delikaten Pianissimo-Schattierungen, unwillkürlich stellt sich ein Kratzen im Hals ein. Ungeachtet aller Widrigkeiten mündet diese Werkschau in der Philharmonie nach der eigenwilligen Orchesterfassung dreier Klavierpréludes durch Collin Matthews – dem tändelnden und doch melancholischen Märchenballett „la boite à joujoux“ und einem „Nachmittag eines Fauns“, wie ihn Debussy wohl nie so feinnervig-raffiniert gehört hat (die Holzbläsersoli! die hauchzarten Hörner!), in eine atemberaubende Interpretation von „La mer“: so energiegeladen, so phänomenal vital, dass man mit beiden Händen hineingreifen wollte in diese aufschäumende akustische Gischt!

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FOTOGRAFIE

Der Tanz

des Tores

Ein Fotograf braucht Augenmaß, Geduld und Wasserwaage, um stürzende Linien zu vermeiden. Künstler sind nicht immer so akkurat. Daran erinnert eine Ausstellung von Uta Süße-Krause im Museum für Kommunikation (Leipziger Straße 16, bis 17.Oktober, Di–Fr 9–17 Uhr, Sa/So 11–19 Uhr). Auf ihren Fotos sind Monumente wie die Tower Bridge oder der Eiffelturm merkwürdig schief und krumm geraten: warZeichen von New York bis Moskau. Nach einem „ordentlichen“ Bildband über das Zisterzienserkloster in Maulbronn begann die 49-Jährige vor vier Jahren, anderen Postkartenschönheiten aus Stahl und Stein auf den starren Leib zu rücken. Mit einem optischen Trick, ohne Computerhilfe, erreicht Süße-Krause groteske Ergebnisse: Das Brandenburger Tor schwingt das Tanzbein, die Siegessäule mutiert zum geknickten Giraffenhals, zum abstrakten Tüpfel-Gemälde wird die Moskauer Basiliuskathedrale. Alles bloß Reflexionen in einer verdrehten Spiegelfolie? Die Künstlerin schweigt darüber, als bräche mit des Rätsels Lösung gleich die ganze Kunst zusammen. Was denn doch ein Hinweis auf Kunsthandwerk wäre. Jens Hinrichsen

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